Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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G. F. HARTLAUB

sierung, die immer mehr Ähnlichkeit aufweist mit jener nun schon längst
vollzogenen Wiederbelebung der sogen. „Primitiven" in der bildenden
Kunst. Ohne Frage hängt das, genau wie damals in der Malerei, mit
der Tatsache zusammen, daß in der nachwagnerischen Musik — früh-
zeitig z. B. bei Debussy, später bei manchen mehr oder weniger „Atona-
len", grundsätzlicher noch in der deutschen Musik der jüngsten Zeit —
sich Eigenschaften herausgebildet hatten, die mehr und mehr den Ver-
gleich mit der archaischen Tonkunst herausforderten.

Sicher ist, daß erst von dem Zeitpunkt an, da die vorbachische
Musik (über einzelne längst eingebürgerte Stichproben hinaus) eine
mehr als nur wissenschaftliche Teilnahme sich zu erobern begann, auch
die Musikgeschichte als Ganzes (also auch die vorklassische,
vorbachische!) mit mehr Gleichberechtigung neben die Kunstgeschichte
hintrat: gleichberechtigt insofern, als ihr nun auch etwas von den mäch-
tigen Lebenskräften zufloß, die jene aus der Beziehung zur Gegen-
wartskunst erfahren hat, und als sie nunmehr allmählich aus Studier-
stube, Hörsaal und Seminar in den Bereich musikalisch gebildeter
Öffentlichkeit übertreten durfte, wo sie bisher überhaupt nur mit ihrem
biographisch-anekdotischen Teil so richtig lebendig gewesen war! Mit
diesen Entwicklungen ging noch ein Drittes Hand in Hand. Das wach-
sende musikgeschichtliche Interesse, sein belebendes Verstehen durch
das moderne Musikschaffen, brachten es mit sich, daß eine „erwachte"
Musikwissenschaft lernte, die Tonkunst einer Zeit nicht mehr isoliert zu
betrachten, sondern sie mit den übrigen Erscheinungen der künstleri-
schen Gestaltungskraft eines Volkes, einer Epoche zusammenzu-
schauen, sie auf gemeinsame tiefere Anlagen und Antriebe zurück-
zuführen, so wie das die Kunst- und Kulturgeschichte, auch die sozio-
logische Geschichtsbetrachtung lehrte und wie es die Beobachtung des
Musikschaffens in unserer modernen Zeitumwelt bestätigte. An diesem
Punkte setzt auch die hier geplante zusammenfassende Darstellung an,
wenn sie sich zur Aufgabe macht, den Gang der Tonkunst durch die all-
gemeine Geistes- und Kulturgeschichte vergleichend neben das Werden
der bildenden Künste zu stellen und dabei ihre besonderen Wege zu
erforschen, auf denen sie das Wesen der Zeiten in ihrer Art zum
Ausdruck gebracht hat. —

II.

Plastik und Musik! Es sei erlaubt, zur sinnfälligen Kennzeichnung der
hier gegenüberzustellenden Künste das Wort „Plastik" einmal in einem un-
gebräuchlichen, immerhin aber wörtlichen Sinne anzuwenden. Plastik (von
rc/.daasLv) sei uns „bildende Kunst" schlechthin, alle Kunst, deren Gestalten
gleichzeitig und im Räume erscheinen, die im Sichtbaren, Tastbaren bil-
det und formt: Kunst für das Auge und für die Vorstellungen des Tast-
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