Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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Grundlagen und Gestaltung des Lessingschen Humors

Von
Otto Mann

Minna von Barnhelm ist das erste moderne deutsche und das einzige
deutsche Lustspiel, worin deutsche Gesellschaft in vollendet lustspiel-
hafter Darstellung erscheint, die Tiefe und die Kraft ihres Menschen-
tums, die Höhe und die Freiheit ihrer jungen Bildung. Dennoch fehlt
bis heute ein entscheidender Versuch, Lessing aus seinem Dichtertum,
seinem Verhältnis zum Tragischen und zum Komischen zu erschließen.
So hob die Forschung entweder den Träger vieler Talente und Tätig-
keiten heraus, den Philosophen, Theologen, Forscher, Dichter, Kritiker,
ohne einen einheitlichen Ursprung in Lessings Persönlichkeit sichtbar
machen zu können; oder den Charakter, die Individualität, die Existenz,
nun ohne hinreichende Erfassung der Bedeutung des Werks; oder
schließlich den philosophischen und literarischen Reformator, dem wir
die Eindeutschung der Aufklärung und eine deutsche Literatur ver-
danken; ohne Blick auf seine individuelle Tiefe und Not, auf seinen
faustischen Drang zur Erlösung seiner selbst, auf jenes persönlich
schicksalhafte Bedürfnis, das ihn über Opitz erhebt und mit Luther ver-
knüpft. Es blieb der ganzheitliche, der im welthaften Werk sein Selbst
objektivierende, eben der Lessing verborgen, in dem das Ich und seine
Zeit, das Subjektive und das Objektive sich zu einem fruchtbaren und
für die Zeit vorbildhaften Ausdruck durchdringen1). Dies nun findet in

J) Schon in Fr. Schlegels Aufsalz über Lessing 1797 die Polemik gegen die Auf-
lösung der Persönlichkeit Lessings in eine Summe vorbildlicher Talente. Freilich wird
nun Lessing für Schlegel ganz frühromantischer, Fichtisch tätiger, polemischer, witzi-
ger Geist. Kierkegaard, der das Geheimnis Lessingscher philosophischer Existenz
berührt, verengt zugleich Lessing zum bloß Existierenden. (Ges. Werke. Jena 1910.
Bd. 6. S. 152—208.) Alle übrigen Bemühungen um das Verständnis Lessings haben
einen geisteswissenschaftlichen Zusammenhang zur Voraussetzung, der den Blick auf
den Existenzgrund Lessings verschließt. Dies gilt sowohl für die bislang noch um-
fänglichste und tiefblickendste Biographie von Danzel (1850), der im Schema der
Hegeischen Dialektik zu verstehen sucht, wie von Diltheys Lessingaufsatz (zuerst
1867), dessen Philosophie des geistesgeschichtlichen Verstehens auf seine Lessingauf-
fassung abfärbt. Die positivistische Wissenschaft hat eine radikale Frage an Lessing
nicht mehr gestellt; Lessing wird für sie ein wenn schon durch persönliche Anteilnahme
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