Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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Tizians Kolorit in seiner Entfaltung und Nachwirkung

Von
Oskar Wulff

III. (Schluß)

Daß ein Künstler von so hoher Gestaltungskraft und so umfassen-
dem Farbensinn eine breite Nachwirkung geübt haben muß, ist von
vornherein mit Bestimmtheit zu erwarten. Der von Hetzer unternom-
mene Versuch, sie zu umschreiben, kann nur dankbar begrüßt werden.
Die Schwierigkeit der Aufgabe ist freilich so groß, daß sie schwerlich
im ersten Anlauf zu bewältigen war. Das läßt schon die einleitende all-
gemeine — eben doch gar zu allgemeine — Betrachtung des III. Teils
seines Buches erkennen. Man wird ohne Vorbehalt zustimmen dürfen,
wenn der Verfasser eine einzigartige Tatsache darin erblickt, daß durch
das Zusammenwirken der italienischen Großmeister der ersten Hälfte
des XVI. Jahrhunderts eine vorbildliche Kunstform entstand, aus der
erst der italienische — in sich allerdings wieder nicht völlig gleich-
artige und doch einheitliche — malerische Barockstil hervorwächst.
Ebensowenig läßt sich bezweifeln, daß Tizians Bildgestaltung und vor
allem sein Kolorit über diesen hinaus auf die Entwicklung der ge-
samten europäischen Malerei bis um 1800 nachhaltig eingewirkt hat.
Nur gegen deren mir wenig glücklich erscheinende Kennzeichnung als
„koloristische" wäre hier einzuwenden, daß diese Bezeichnung besser
solchen Richtungen innerhalb derselben vorbehalten bliebe, in denen
vor allem die Eigen- (bzw. Schönheits-) werte der Farbe zur Geltung
kommen. Aber das ist unwesentlich im Vergleich mit den auch von
Hetzer gefühlten eigentlichen Rätselfragen der Untersuchung. Mit
Recht hält er den Nachweis des Einflusses in Einzelfällen für be-
deutungslos und erblickt die Hauptfrage darin, welchen Anteil Tizians
Farbengebung an der Entstehung der seit dem Ausgang des XVI. Jahr-
hunderts diesseits wie jenseits der Alpen allgemein verbindlichen Grund-
lagen der Bildgestaltung gehabt hat. Seine allenthalben maßgebende
Einwirkung beruhe auf der allen anderen großen Malern überlegenen
Fähigkeit, die Farbe in ihrer magischen Kraft unmittelbar als Symbol
der Materie in Verbindung mit der Form als Ausdruck des Geistes zu

Zeitschr. f. Ästhetik u. alle. Kunstwissenschaft XXXI.

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