Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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Tizians Kolorit in seiner Entfaltung und Nachwirkung

Von
Oskar Wulff

So könnte der Titel des neuen Buches über Tizian von Theodor Hetzer
auch lauten, wenngleich er diese Sonderfrage mit ständiger Bezugnahme
auf die von ihm in mehreren Vorarbeiten behandelte gesamte Bildgestal-
tung des Meisters zu lösen sucht1), in dem er fraglos mit Recht den wahren
Bahnbrecher der europäischen Malkunst des XVI.—XVIII. Jahrhunderts
erkennt. Der Verfasser hat durch langjährige Vorbereitung der Unter-
suchung eine so umfassende Kenntnis seiner Werke und ihrer Farben-
gebung erworben, wie sie kaum ein lebender Zeitgenosse besitzt, und ihre
Ergebnisse dann auf der Tizianschau des Jahres 1935 in Venedig über-
prüft. Man wird auch mit Freuden anerkennen dürfen, daß diese Frage-
stellung bisher für keinen anderen Künstler (allenfalls Tintoretto aus-
genommen) eine so eindringliche Bearbeitung gefunden hat, und sie wegen
der wegweisenden Bedeutung Tizians besonders dankbar begrüßen, um
so mehr, als der Forscher sich auch nach der theoretischen Seite zu unter-
richten bemüht gewesen ist. Er beweist nicht nur Vertrautheit mit den
Grundgedanken von Goethes Farbenlehre, sondern verdankt vor allem der
grundlegenden Arbeit zur Geschichte der Farbengebung in der veneziani-

]) Theod. Heizer, Tizian. Geschichte seiner Farbe. Verlag Otto Klostermann.
Frankfurt a. M. 1935. 275 S. mit 12 Abb. (in Autotypie). 8". — Der meinerseits über-
nommenen Verpflichtung glaube ich nicht durch eine gedrängte Besprechung gerecht
werden zu können. Es gilt hier zunächst, den Gewinn der Untersuchung für die
Kunstwissenschaft durch eingehende Wiedergabe der herauszuschälenden unanfecht-
baren Feststellungen, möglichst befreit von gewissen ihr anhaftenden subjektiven
Deutungen, zu buchen. Stellenweise konnte ich sie durch genauere Einzelangaben ver-
vollständigen, ohne diese immer ausdrücklich hervorzuheben. Als Besucher der
Mostra di Tiziano (September 1935) kann ich schon damit der vom Verfasser im Vor-
wort ausgesprochenen Erwartung nachkommen, daß auf ihr „manchem Betrachter
Werte dieser Kunst aufs neue lebendig wurden". Davon hoffe ich bald ausgiebigere
Rechenschaft geben zu können, als es der mir in dieser Zeitschrift zur Verfügung
stehende Raum gestattet. Der obige Hinweis bezieht sich noch auf die folgenden
früheren einschlägigen Arbeiten Hetzers. Die frühen Gemälde Tizians, Basel 1920;
Studien über Tizians Stil, Jahrb. d. K. Wiss. 1923, S. 202—248; Tizians Gesetzlich-
keit, ebenda 1928, S. 1—20.
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