Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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Über RUkes „Neue Gedichte"

Von

Kurt W. Kasel

Einige wenige Dichter um die letzte Jahrhundertwende — und unter
ihnen insbesondere George und Rilke — hatten eine höchste Sendung, und
zwar keine politische, keine völkische, sondern eine in aller Tiefe kultu-
relle. Was wir heute allenfalls über sie wissen können, ist ihre Aufgabe
des Bewahrens. Erst spätere Zeiten werden darüber urteilen können,
ob sie ebenfalls eine Aufgabe des Zeugens, Weiterbildens, Neuschaffens
gehabt und erfüllt haben, ob sie fruchtbar und zukunftsträchtig ge-
wesen sind.

Sie hatten zunächst den hohen, edlen Gesang zu hüten in einer Zeit,
die ihn für unzeitgemäß erachtete, weil sie ihn nicht konnte. Sie hatten
— weil alle Kultur nur aus der Sprache kommt und nur durch die Sprache
ist — den Ernst und das Verantwortungsgefühl für die Sprache zu er-
halten, in einer Zeit, welche diese nur als ein Mittel zu Erfolg und äußerem
Glück zu betrachten wußte. Und Rilke war vielleicht derjenige, der am
ehesten fähig war, auch die Sprache edel und rein zu erhalten. Bei ihm
fand man eine natürliche, gepflegte Sprache, zu einer Zeit, als die Mehr-
zahl aller Dichter glaubte, entweder mit ihr experimentieren oder sie
vergewaltigen zu müssen; bei ihm fand man vollendete Verse, die man
wieder und wieder lesen konnte, die im Widerspiel ihrer Reime und Vokale
eine Melodie waren, ein Klang und ein Farbenspiel, das noch das leuch-
tendste impressionistische Gemälde auf einen Gipfel hob, oder überhaupt
allen Impressionismus übertraf. Und es ist manches Gedicht unter Rilkes
Gedichten, das unverständlich erscheint, und das man am besten nur
wertet als einen Gesang, als Klang und Farbe, losgerissen von einer Seele,
die nach Mitteilung drängt, die vor innerer Spannung und Fülle nicht
schweigen kann und singen muß.

Bei Rilke drängt alles zum Wort; und die Worte wieder überstürzen
sich förmlich und drängen zum Reim, drängen noch über den Endreim
hinaus zum Reim innerhalb der einzelnen Zeile, und drängen oftmals noch
weiter zum Stabreim. Und gerade durch die wiederholte und doch spar-
same Anwendung dieses Kunstmittels erhalten die Gedichte einen eigenen
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