Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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Besprechungen

Mario Pensa: Stefan George, saggio critico. Bologna 1935 — XIII;
Nicola Zanichelli.

Nach einem kurzen Lebens- und Umweltabriß gibt Pensa eine inhaltliche wie
Formfragen umfassend abhandelnde Gesamtdarstellung des Georgeschen Werkes.
Pensa spürt der Kunst des jungen George mit anerkennenswertem Willen des Ein-
fühlens nach, seine Wertungen werden aber gewiß den Absichten des Dichters mehr-
fach nicht gerecht, weil er diesen nicht an sich, sondern zu stark in bezug auf
andere Lyriker betrachtet. Wo es sich um ganz scharfe Gegensätzlichkeiten oder
vielleicht richtiger um geschlossene Andersheiten handelt, kann das Verfahren
fruchtbar werden; beispielsweise im Falle Liliencron. Wo aber sozusagen still-
schweigend allgemeine und etwas verschwommene ästhetische Kategorien unterlegt
werden, kann George nicht im tiefsten erfaßt werden. Man freut sich dann, daß
Pensa doch zuletzt unversehens gute Wesensbeschreibungen Georgescher Gedichte
ungeachtet manchen Umwegs liefert (z. B. die vorausdeutenden Ausführungen zum
Bande „Die Fibel").

Pensa versteht, George in weite Zusammenhänge der europäischen Literatur
einzureihen, und vor allem zur Formerkenntnis sind die Vergleiche mit der Kunst
des Petrarca und etwa des Barocklyrikers Rudolf Weckherlin unmittelbar förderlich.
Andererseits ist dem italienischen Betrachter das allerdings starke Willensmoment
im Georgeschen Schaffen befremdlich, ja er findet es (sicherlich nicht ganz be-
rechtigt) Leben tötend. Georges Schaffen ist Pensa weitgehend „zu gedacht" oder
auch (Interpretation des „Jahres der Seele") zu ausschließlich auf das Ich des
Dichters gerichtet. Pensa stellt etwa gegenüber: Novalis bezeichnet als Liebe das
Verlangen nach dem Unendlichen, woraus bei George ein Verlangen nach dem Ich
werde. Pensa sieht bei George immer (nur) Geist, wo er Leben erwartet und
wünscht. Doch fragt sich sehr, ob solche Beurteilungsmaßstäbe, die bei andern
gewonnen wurden (etwa dem durchaus übertreibenden Ludwig Klages), George
gerecht zu werden vermögen. Ausgezeichnet in ihrer Ergiebigkeit sind die Form-
analysen Georgescher Gedichte. Es ist aber auffällig, wie — sozusagen unsicher —
Pensa in großer Bewunderung und schroffer Ablehnung dem Georgeschen Wesen
und Werk gegenübersteht. Er müht sich liebend und fühlt sich mehr als einmal
entsetzt zurückgestoßen (Beispiel: Bemerkung zum Jahr der Seele, S. 152 oben).
Aus der Fülle feiner Bemerkungen darf vielleicht die zum „Siebenten Ring" be-
sonders herausgehoben werden, wo auf Georges inneres Drama abgehoben ist (S. 183).
Pensa findet als Kern Georgeschen Seins und Wollens die Steigerung des Ichs ins
Transzendente, das Ich werde sich selbst zum Gott. Man kann die Dinge (vielleicht)
so sehen, doch empfinde ich dazu keinen inneren Zwang aus dem Gegenstand. Etwas
zu handfest stofflich und darum methodisch anfechtbar dünkt mich die Würdigung
der Verse „An Sabine" S. 189. Es ist die etwas primitive Fragestellung: was war
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