Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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Bemerkungen

„Der römische Brunnen"

Von

Max Dessoir

Als ich bei der Arbeit an meinem Buch „Einleitung in die Philosophie" die
Emanationenlehre darzustellen versuchte, kam mir Conrad Ferdinand Meyers Gedicht
„Der römische Brunnen" wieder in den Sinn. Denn die von der Gnosis und dem Neu-
platonismus verkündete Emanation aus Gott kann mit der Tätigkeit eines Brunnens
verglichen werden, der mehrere Becken desselben Mittelpunktes füllt und zum Über-
fließen bringt. Meyers Gedicht liegt in zwei Fassungen vor. Außerdem gibt es von
Rilke die „Römische Fontäne". Vor Jahren habe ich in ästhetischen Übungen mit
den Mitgliedern meines Seminars diese drei Gebilde nach Form und Inhalt verglei-
chend geprüft. Was sich dabei ergab, möchte ich jetzt mitteilen.

Zunächst seien die Verse selber hergesetzt.

Conrad Ferdinand Meyer, Der römische Brunnen
Erste Fassung
In einem römischen Garten
Verborgen ist ein Bronne,
Behütet von dem harten
Geleucht' der Mittagssonne,
Er steigt in schlankem Strahle
In dunkle Laubesnacht
Und sinkt in eine Schale
Und übergießt sie sacht.
Die Wasser steigen nieder
In zweiter Schale Mitte,
Und voll ist diese wieder,
Sie flutet in die dritte:
Ein Nehmen und ein Geben,
Und alle bleiben reich,
Und alle Fluten leben
Und ruhen doch zugleich.

Spätere Fassung

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
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