Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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BESPRECHUNGEN

zu betrachten, oder aber das Gesamtwerk Hauptmanns in seiner Haltung zur Natur
zu würdigen. i

Die wertvollen Einsichten Taubes konnten auch in einem größeren Zeitschriften-
aufsatz vor die wissenschaftliche Öffentlichkeit treten, so der Nachweis, daß Gerhart
Hauptmann selbständig und nicht erst via Arno Holz zum Naturalismus gekommen
ist, und anderes mehr. Gründlichkeit in der Umsicht und Achtsamkeit in der Be-
handlung der Quellen wie des wissenschaftlichen Schrifttums wird man dem Ver-
fasser bei dieser Erstveröffentlichung zuerkennen; möge er sie bald an einem ge-
wichtigeren Gegenstand bewähren und weiten mit zugleich etwas sorglicherer Pflege
der eigenen Ausdrucksweise.

Karlsruhe (Baden). Emil Kast.

Gerhard Eckert: Gestaltung eines literarischen Stoffes in
Tonfilm und Hörspiel. Berlin, Junker u. Dünnhaupt 1936. 272 S.
RM. 9.—. (Neue Deutsche Forschungen. 67, Abt. Neuere Deutsche Literatur-
geschichte. 6.)

Kino und Radio haben im modernen Leben eine derart beherrschende Stellung
inne, daß auch die Wissenschaft, vor allem also Ästhetik, Dramaturgie und Kunst-
kritik, sich ernstlich mit ihnen beschäftigen, ihre Darbietungen in den Bereich ihrer
Betrachtung und Beurteilung ziehen muß. Denn mag sich der einzelne noch so sehr
innerlich und äußerlich dagegen sträuben, Tatsache ist, daß einem großen Teil des
Volkes der Tonfilm das Theater ersetzt, während das Radio ihm alle spezifisch aku-
stische Kunst, vor allem also jegliche Art Musik, vermittelt. Damit teilen aber
Kino und Radio das Reich der sogenannten reproduzierenden Künste — diesen Aus-
druck mit allem Vorbehalt verwendet — schon jetzt im Urteil weitester. Kreise so gut
wie restlos unter sich auf, wobei das Radio in der Ersetzung des Theaters mit dem
Kino noch durch das Hörspiel in Wettbewerb tritt. Wird erst die Radiotechnik das
Fernsehen weit genug vervollkommnet haben, so ist jede Originaldarbietung „repro-
duzierender" Kunst grundsätzlich unbegrenzt übertragbar und jeder einzelne kann
durch diese Vereinigung gewissermaßen von Kino und Radio seinen Bedarf an
Musik- und Theatergenuß dann decken, ohne je in den Konzertsaal oder ins Theater
zu gehen. Steht schon jetzt der künstlerische Tonfilm der Wirksamkeit mittlerer und
kleiner Theater einfach deshalb im Wege, weil er bequemer und billiger bessere
schauspielerische Einzelleistungen zeigt, als diese zu bieten vermögen, obwohl er auf
einen wortkünstlerischen Wettbewerb mit dem Drama auf der Bühne grundsätzlich
verzichtet, so wird das Fernsehradio der Zukunft, das die Darbietungen der maß-
gebenden Großstadtbühnen dann in Bild, Wort und Ton unverändert und unverkürzt
überallhin senden kann, den kleineren Theatern notwendigerweise noch mehr Ab-
bruch tun. Dem Kino wird diese Entwicklung weniger schaden, hat der Film doch
neben anderen technischen Vorzügen gegenüber dem Radio (beispielsweise Teil- und
Großaufnahme) vor allem das voraus, daß er die künstlerische Darbietung materia-
lisiert, verewigt, während die Radiosendung wie die Originalaufführung selbst in der
Einmaligkeit vergeht. Zwar sucht man diesem Übelstand dadurch zu begegnen, daß
man schon seit vielen Jahren jede irgendwie wesentliche Funksendung auf Schall-
platten aufnimmt, also ebenfalls materialisiert1); dennoch können die musik- und
sprechdramatischen Rundfunksendungen, die Hörspiele also beiderlei Art, auch in

J) Vgl. den 986 Seiten starken Band „Schallaufnahmen der Reichs-Rundfunk
G.m.b.H. von Ende 1929 bis Anfang 1936". Berlin 1936.
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