Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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BEMERKUNGEN

sichten über die Vielfalt literaturgeschichtlichen Forschens ergeben werden. Viel-
leicht ist die Vergleichsgelegenheit geboten, wenn Nadlers vierter Band vorliegt,
denn Franz Schultz läßt uns länger als angekündigt auf die weiteren Bände sei-
ner entscheidenden Darstellung warten. Ist Josef Nadlers ganzes Werk erschie-
nen, so wird der letzte Band Anlaß geben, bei seiner Darstellung weiteres metho-
disch und gedanklich Grundsätzliche aufzuzeigen. Vor allem wird aber, was schon
dieser Beschreibung zugedacht war, indessen vorerst bewußt zurückgestellt wird,
ein Doppeltes in einer Skizze wenigstens andeutend zu umreißen sein: als ein
erstes, wie die Methodenlehre der deutschen Literaturwissenschaft (Julius Peter-
sen u. a.) sich mit Nadlers wissenschaftlicher Haltung und Verfahrensweise bisher
auseinandergesetzt hat; zum andern aber: wie die wissenschaftliche Praxis der
eigenen Forschung andere Gelehrte gegenüber verwandten oder gar gleichen
Gegenständen hat zu Werke gehen lassen. Es wird eine Reihe bemerkenswerter
Arbeiten Emil Ermatingers, Adolf von Grolmans, des jüngst viel zu früh aus dem
Leben geschiedenen Verfassers der jetzt maßgebenden Badischen Literaturgeschichte
Wilhelm Engelbert Öftering, außerdem Wichtiges aus der geographisch-geschicht-
lichen Lebensarbeit des ebenfalls vor kurzem verstorbenen Marburger Historikers
Albert von Hofmann, vielleicht auch einiges aus kunstgeschichtlichen Bereichen (bei
Dehio, noch mehr in Wilhelm Pinders neusten drei Bänden spielt das Stamm-
hafte und Landschaftliche eine nicht zu übersehende Rolle für die Gesamtwürdi-
gung der Gegenstände) beizuziehen sein. Das alles zu vergleichen, dürfte der Er-
kenntnis des Nadlerschen Werks nicht weniger förderlich sein als der Einsicht in
die Arbeitsweisen verschiedener Geisteswissenschaften im allgemeinen und einzel-
ner Kunstwissenschaften im besonderen, insonderheit der mit dem Werkstoff der
Sprache und deren Gestaltung.

Daß Josef Nadlers Werk in solcher Neufassung, die doch wahrscheinlich eine
endgültige ist, gerade in diesen Jahren wieder vor die deutsche Öffentlichkeit tritt
— keineswegs nur an die engeren Kreise der bloßen Fachwissenschaft!! — scheint
ganz besonders bedeutungsschwer: es ist eine ganz großartige Rechenschaftsablage
über Höhen und Tiefen, Klarheiten und Düsternisse, Wege und Umwege, Gefähr-
dungen und strahlende Siege in jahrhundertelang tobenden oder weiterwirkenden
geistigen Schlachten; es ist eine Summe deutscher Existenz mit aller Verpflichtung.

Der Architekturraum als Erlebnisraum

(zu dem gleichnamigen Buche von Karl Heinz Esser. Bonn 1940)

Von

Walter Thomae (Jena)

Der Titel des Buches zeigt schon, daß der Verfasser sich gefragt hat, aus
welchen Teilwirkungen sich die Gesamtwirkung eines Raumes, vornehmlich des
Innenraumes im Gebäude, zusammensetzt, auf welche Faktoren das unbestrittene
Raumerlebnis zurückgeht, das z. B. im Inneren künstlerischer Barockkirchen zu-
stande kommt.

Er beginnt mit einem Rückblick auf die abstrakten Raumbegriffe bei den Philo-
sophen Cartesius, Leibniz, Kant, welche den Raum als ideal oder stofflos ansehen.
Esser läßt diese Definition gelten, schiebt sie aber als Quellen des Raumerleb-
nisses beiseite. Denn dieses ist eine Wirkung, die nur auf etwas Dingliches zurück-
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