Pfannmüller, Ludwig
Die vier Redaktionen der Heidin (Palaestra, Band 108) — Berlin, 1911

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Für den Text habe ich die Ueberlieferung von w
soweit diese reicht, zu Grunde gelegt, da diese Hs., von
den willkürlichen und leicht erkennbaren Eingriffen des
Schreibers abgesehen, allein einen verständigen und zu-
verlässigen Text bot. Von w ist so viel wie möglich
beibehalten und diese einzig verläßliche Hs. nicht bei
jeder Gelegenheit preisgegeben, wo sich hb etwa mit
einer äußerlich glätteren Lesart anboten. Verschiedene
preziöse und ungewöhnliche Ausdrücke und Konstruk-
tionen, die nur w bot, während li und b trivialisierten,
konnten aus Parallelen aus dem Gedicht selber oder aus
anderen Quellen als Eigentum des Dichters gerettet werden.

In Erinnerung an die Entstehung von g ist diese
Hs. nirgends als entscheidendes Moment bei der Auswahl
der Lesungen angesehen worden.

Ich habe die Empfindung, daß man mir vielleicht mit
Recht eine alku weitgehende Begünstigung von w gegen-
über den anderen Hss. wird vorwerfen können: wer die
Lesarten in sauberem Apparat nebeneinander sieht, kann
wohl unbefangener urteilen. Wer aber den ganzen betäu-
benden Unsinn einer Hs. wie h, die öden Kanzleifloskeln
der Hs. g wieder und wieder durchgesehen hat, wird auf
die Dauer einer Suggestivwirkung nicht widerstehen.
Wie sehr w über die drei anderen Hss. hinausragt, lernt
man erst verstehen, wenn es gilt, den Hss. hbg im zweiten
Teil der Heidin, wo w versagt, einen leidlich lesbaren
Text abzuringen. Eür das Raten und Tasten, daß dieser
ganze zweite Teil darstellt, ist der Ausdruck „kritischer
Text" mehr als ein Euphemismus.
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