Pfannmüller, Ludwig
Die vier Redaktionen der Heidin (Palaestra, Band 108) — Berlin, 1911

Seite: 128
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Kapitel VI.
Die literarische Stellung der Heidin1).

"Wenn man die Reihe der für das Zeitalter der Epi-
gonen vorbildlichen Dichter mustert, um zu erfahren, bei
wem der Dichter der Heidin I gelernt hat, so kommt man
per exclusionem zu Hartmann von Aue. Ganz sicher ist,
daß er seine Fähigkeit und seinen Stil weder an Wolframs
noch an Gottfrieds Werken entwickelt hat, die als Vor-
bilder gleich unverkennbar zu sein pflegen.

Ein rein äußerlicher Kebenumstand hat mich zuerst
an eine von Hartmann zu unserm Dichter führende Tra-
dition denken lassen: das Auffallende, das in der Ueber-
lieferung des kleinen Gedichtes inmitten lauter großer
Epen in der Windhager Hs. liegt, und zwar sind der
vorausgehende Iwein und die Heidin von demselben
Schreiber (IL) niedergeschrieben, der im übrigen nicht
mehr an der Hs. mitgearbeitet hat. Wenn man daraus

1) Da es sich um zwei Gedichte handelt, so bedarf die Kapitel-
überschrift eines Wortes der Rechtfertigung. Soweit von Einflüssen
die Rede sein wird, die auf die Heidin gewirkt haben, bilden die
beiden Gedichte natürlich keine Einheit, wohl aber darf von einer
solchen gesprochen werden, soweit von Einwirkungen gehandelt werden
wird, die von der Heidin ausgehen. Wie sich zeigen wird, vermischen
sich die Ausstrahlungen der beiden Gedichte, und für die Nachwelt
bildete „die Heidin" nur einen literarischen Faktor.
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