Pfannmüller, Ludwig
Die vier Redaktionen der Heidin (Palaestra, Band 108) — Berlin, 1911

Page: 69
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schließlich läßt sie, auf Anraten einer alten Freundin,
ihren Ritter wieder vor ihre Augen kommen. Diesmal
gewährt sie ihm auf seine erneuten Werbungen hin die
Wahl zwischen dem oberen und niederen Teil ihres Leibes.
Er wählt nach längerem Bedenken den oberen Teil und
legt ihm als sein Beherrscher die Verfügung auf, sich
dem Gemahl gänzlich zu entziehen. Wie zu erwarten,
erfährt die Heidin infolgedessen die unglimpflichste Be-
handlung durch ihren aufgebrachten Mann und gibt sich
in der Folge dem Ritter ganz hin. Nachdem das drei-
eckige Verhältnis zwischen Ritter, Heidin und Heiden
eine Zeitlang bestanden hat, zieht der Christ frohgemut
heim und büßt dort seine Sünden.

Das ist die Fabel der kürzeren I. Redaktion, ihre
Pointe die von der Heidin bewilligte Teilung ihres Leibes
und die Ausnützung dieses Zugeständnisses durch den
Ritter. Um sie herum gruppieren sich fallende und stei-
gende Handlung keineswegs einheitlich und gleichmäßig.
Während sich jene in gedrängter Kürze lediglich mit
dem Verhältnis zwischen dem christlichen Ritter und der
Heidin beschäftigt, bringt diese mancherlei außerhalb der
Handlung Stehendes und schreitet langsamer fort.

Zunächst setzt die Erzählung breit ein und rückt
mit einer Gemächlichkeit vor, daß man ein bedeutend
längeres Gedicht erwartet, übrigens eine Eigenheit, die
auch in anderen mhd. Novellen auffällt. Der Dichter, der
im Eingang der Novelle seine Helden präsentiert, läßt uns
geraume Zeit warten, ehe er sie zusammenführt. Er laßt
nach den Vorbereitungen des Ritters zur Abreise und nach
seinem Aufbruche den Helden am Abend der ersten Tage-
weide einen längeren Aufenthalt nehmen, um erst jetzt
seinen Begleitern das Ziel seiner Fahrt anzugeben. Er
richtet allerlei Ermahnungen an die Knappen, und diese
geloben jede Hülfeleistung. Daß der Anführer einer
Schar dieser erst in einiger Entfernung von der Heimat
den Zweck seiner Ausfahrt mitteilt, ist ein alter Zug:
Auch Ganelun handelt so, hat allerdings dafür besonders
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