Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 27.1902

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326 TU. WIEGAND, ZUR LAGE DES HANNIBALGRABES

gemacht worden. Auf der Strecke 52,8 bis 52, 9 liegt im Bahn-
damm ein Durchlass für das aus dem Einschnitt kommende
Rinnsal; er ist teilweise mit grossen antiken Kalksteinplatten
gebaut, die einem 10 m nördlich, dicht am rechten Rande des
Rinnsales liegenden Mörtelbau entnommen sind. Dieser lässt eine
Länge von mehr als 15m erkennen, sein Boden ist teilweise mit
jenen Platten, deren eine über 2,40 m breit ist, belegt. Spuren
kleinerer Bauten bemerkt man ringsum und namentlich nach dem
die Abhänge des Ilandschir-ba'ir bedeckenden Weinberge zu.
Welche von diesen beiden 800 m von einander liegenden
Strandansiedelungen war Libyssa ? Man würde sich zunächst
für die der Libyssosmündung zunächst liegende Stelle entschei-
den, aber wahrscheinlicher ist, dass trotz der Entfernung beide
zusammenzurechnen sind, denn nur so würde eine Bezeichnung
wie die von Plutarch überlieferte zutreffen : εν δέ Βιθυνία τόπος
έστί θτνώδης επί θαλάσσης καί προς αύτφ κώμη τις μεγάλη
Λίβυσσα καλείται (Titus 20). Libyssas Bedeutung beruhte
darauf, dass man von diesem Orte aus in rascher Überfahrt
zu dem gegenüberliegenden Dil-burnu (3 km) den kürzesten
Weg nach Nikaia gewann; ausserdem war es eine bequeme
Poststation mitten auf dem Landwege zwischen Nikomedeia
und Chalkedon. Trotzdem ist der Ort schon zu Plinius’ Zeit t
verödet (n. h. V 148 fuit et Libyssa oppidum, ubi nunc Hanni-
balis tantum iumulus) und trug in der hadrianischen Epoche
sogar einen anderen Namen (Scholion zu Tzetzes’ Chiliades
799 in Cramers Anecd. III S. 353: Προς τι χωρίον Λίβυσσαν τό
νυν καλοΰμενον τα Βουτίου, ώς ’Αρριανός εν Βιθυνιακοΐς γράορει).
Dass den byzantinischen Gelehrten die Stätte des Hannibal-
grabes bekannt geblieben, zeigen Tzetzes’ Verse, und dass sie
das Denkmal noch gesehen haben, möchte man mit Hülsen
gerne annehmen. Man darf es sogar, ohne sich den Vorwurf
phantastischen Jagens nach Grabmälern berühmter Männer
zuzuziehen, für nicht unmöglich erachten, dass unter den be-
scheidenen Trümmern am Strande von Dil - Eskelessi noch
Reste jenes Grabmales liegen, mit dem Kaiser Septimius Se-
verus seinen Landsmann, den grössten Feind Roms, geehrt hat.
Constantinopel, Oktober 1902.

Theodor Wiegand.
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