Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1.1967

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an einem inneren Gegensatz oder Zwiespalt des
Bildes ihr Gefallen findet, daß man von „zwei
Welten im Bilde“ eigentlich reden könnte. Etwas
wird neben etwas gestellt, wobei diese beiden
Etwas die ganze Kompositionsart bestimmen, oder
zerfällt das Bild in ein Oberes und ein Unteres,
in Zonen sogar, und es gibt da verschiedene
Übergänge, Kombinationen, Abwandlungen, Tar-
nungen. Wie ist das zu erklären, wenn wir an die
„Stilentwicklung“ nicht mehr glauben wollen?
Und welchen Sinn hat diese oder jene Form des
Dualismus?
Zwei Wege bieten sich für die Beantwortung
der Frage. Einmal die logische Überlegung mit
Abstand von der lebendigen Geschichte, einmal
die historische Untersuchung der Tatsachen
nur ein Zusammenwirken der beiden Ver-
fahren kann zu der Lösung des Problems füh-
ren. Man denkt sich also die drei geläufigsten
Typen der in Frage kommenden Kompositions-
form: das Nebeneinander, das Übereinander, die
Anordnung einer Diagonale entlang. Wie die
Diagonale, so auch die vorangehenden zwei
Hauptformen können nur als ein Streit zweier
Tendenzen, durch zwei Antagonisten repräsen-
tiert, gedacht werden. Dieser Streit kann mehr
oder weniger offenbar, physisch oder nur moralisch,
oder beides zugleich sein, er kann sozusagen bis
zu einem Minimalgrad abgekühlt werden, lebendig
oder erstarrt sein, frei gesehen oder stilisiert,
mehr gedankenhaft, begriffsmäßig oder mehr
visionär dargestellt sein. In das Schema Nebenei-
nander wird man aus logischen Gründen am besten
einen Kampf, Streit, oder nur Gedankenaustausch
zweier Personen, Gruppen, oder Verfolgung und
Flucht, auch Verführung und Flucht, wie Joseph
und Putifars Weib, Apollo und Daphne setzen.
Das Nebeneinander entwickelt sich dann, wenn
wir es als einen aktiven Gegensatz begreifen, von
selbst schon zu einem Übereinander, wenn einer


1. Chosroe II. und Schirin, sassanidisches Relief, vor 628.
Naksch-i-Rustom. Auch für Narces (293—302) und
die Göttin Anahit gehalten.

der Agonisten über den anderen im Erfolg, im
Sieg sich erhebt. So entsteht zunächst die diago-
nale Komposition; die Diagonale wird von der
Blickführung der Beteiligten noch bestätigt. Wenn
dann in reinem Übereinander die Personen der
unteren Zone nach dem oben schwebenden oder
erscheinenden Wesen hinaufsehen, so können sie
das am besten in diagonaler Richtung tun, das
liegt im menschlichen Körperbau.
Also verwandelt sich logischerweise das Ne-
beneinander in die Diagonale und in das
Übereinander. Die nachfolgenden Untersu-
chungen sollen auf Beispielen aus der realen
Kunstentwicklung seit der Antike zeigen, inwie-
weit sie dieser Logik auch Folge leistet. Wir
gehen dann zu Beispielen über, wie die Gegen-
sätze im Bilde verschiedentlich gelöst, ausge-
glichen werden, woraus gewisse Folgerungen für
die Enstehung der „modernen“ Formgebung
gezogen werden können.

2. „Quis contra nos?“ Das Bild als Antithese

Bevor man die Gegensätzlichkeit im Bilde un-
tersucht, erscheint es ratsam, sich die breitere
Geltung des Antitheseprinzips in der Kunst-
geschichte ins Gedächtnis zu rufen. Alois Dempf
hat in seinem so auschlußreichen Buch „Die
unsichtbare Bilderwelt“ ( 1959)2 die Notwendigkeit

einer „antithetischen Ikonologie“ hervorgehoben.
Er versteht darunter die gegensätzliche Auseinan-
dersetzung einer Bilderwelt mit einer fremden
und mächtigen, die zu überwinden und trium-
phartig zu ersetzen ist. Dieses bewegt sich prak-
tisch zwischen einer schroffen Ablehnung (Ikono-

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