Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1.1967

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Nikefigur in die Kunst der römischen Republik
und des Kaisertums. Hier kommt noch der
Architekturrahmen einer Vergöttlichung und Ka-
nonisierung des im Hellenismus schon gelockerten
Typus zuhilfe. Die Beziehung zu den triumphi der
Konsulen und Feldherren macht sich schon zur
republikanischen Zeit geltend. „Seit der Zeit des
Augustus ist das wichtigste Victoriabild dasjenige
in der Curia lulia (Senat), das Augustus nach der
Schlacht bei Actium weihte“. Als die Zeit der
heidnischen Herrschaft sich zum Ende neigt,
wird eben dieses auf Gemmen, Münzen verbreitete
Bild der Victoria lulia zum „Zankapfel“ des
Streites zwischen alter und neuer Religion, d. i.
dem Christentum. „Seit Probus tragen die Kai-
ser die Victoria mitsamt der Weltkugel auf der
Hand . . . bis schließlich an die Stelle der Sie-
gesgöttin das christliche Kreuz auf die Kugel
gesetzt wird (Münzen Valentinians III.), ein
Symbol der Macht, das sich als Reichsapfel bis
auf den heutigen Tag erhalten hat.“ Die Geschichte
der Victoria in Rom endet damit, daß die Victoria
„auf Münzen des Honorius. . . und Romulus
Augustulus. . . , ihres heidnischen Charakters ent-

27. Hl. Wenzel. Fresko in der St. Apollinariskirche.
Prag, um 1380.


kleidet, das christliche Kreuz in die Hand nimmt.“
Soweit Roscher in seinem Lexikon griechischer
und römischer Mythologie.17 (Abb. 24, 29).
Der Victoriaaltar des Augustus ist schon eine
Verkündigung der höheren Welt an eine niedere,
es ist zugleich die Begründung der Bildpropa-
ganda des römischen Reiches in den Provinzen
und an die Nachbarvölker. Einen Beweis liefert
uns z. B. davon die für die Limesstadt Mainz
geprägte Münze FELICITAS SAECULI. Diese
Felicitas ist die Wohltätigkeit zweier römischer
Statthalter, die hier als Sancti mit Nimbus,
Heiligenschein um den Kopf dasitzen, von dank-
baren Barbarenvolk umgeben. Der römische Sanc-
tus ist ein Vorläufer des christlichen Heiligen,
sein splendor oder nimbus (d. h. Lichtwolke um den
Kopf) verkündet den Völkern der Erde die rö-
mische Tugend und Überlegenheit in allem, wie
wir vor allem aus Ciceros Schriften erfahren.
Wir sehen, wie die Legionäre das Volk, vor allem
Kinder zu den Sancti kommen lassen. Dies
geschieht in der oberen Hälfte des Münzbildes
(Avers), die von der unteren durch ein Gurtgesims,
wie es eben aussieht, getrennt ist. Unten sehen
wir rührende Victoriaszenen: eine Victoria bekränzt
einen Legionär mit dem Siegeskranz, auf einer
Brücke, eine zweite führt einen Knaben wie der
christliche Schutzengel sicher über die Brücke,
die an beiden Brückenköpfen stark durch Türme
befestigt ist. Was die Brücke mit dem Victoria-
Thema zu tun hat, ist eine für die Ikonographie der
christlichen Kunst überaus wichtige Frage. Der
römische Kaiser hieß Imperator pontifex, war
Kaiser und pontifex maximus zugleich, das
heißt oberster Priester, und pontifex heißt zu-
gleich Brückenbauer. Nicht zufällig hat Kon-
stantin am 28. Oktober des Jahres 312 seinen
weltgeschichtlichen Sieg, der die christliche Zai-
tenwende markiert, auf der nilvischen Brücke
errungen. Die Brücke wird den Christen zum
Sinnbild des Heilsweges. Der Weg des Heils ist
eine schmale Brücke, sagt die mystische Lite-
ratur, schmal wie die Schärfe eines Rasiermessers.18
Über der Brücke ist Konstantin im Traume, einer
späteren Tradition zufolge, das Kreuz in Mor-
genröte erschienen, mit der Inschrift In hoc signo
vinces, ein Triumphkreuz also. Eine ältere Über-
lieferung weiß jedoch nur von einem im Jahre 310
Konstantin so erschienen Apollon Nikephoros,
Apollo Victor. Dieser siegbringender Apoll ist

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