Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1991

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vom Typ des erwähnten Saint-Génis, der Kapitelle
vom Vestibül der Abtei von St. Benoit-sur-Loire, in
Toulouse, oder der in achtziger Jahren in St. Sernin in
Toulouse wirkenden Werkstatt. Diese Phase beruhte
auf der Bildung eines symbolischen plastischen Zei-
chens, das Welt der wirklichen Dinge vertrat, weil sie
nur Abbild des wahren Seins sind. Die Strebung
danach, die Gestalt von der Fläche zu befreien (z. B.
Vestibül St. Peters in Moissac um 1 125)34, konnte nur
halb gelingen, weil aufgrund der besprochenen Anthro-
pologie die Darstellung der vollplastischen Figur noch
unmöglich war, deswegen sind die Skulpturen von
Moissac nur halbplastisch. Es ist möglich, daß gleich-
zeitig in Toulouse das Portal des Kapitelsaals des
Domes zu Saint- Etienne entstand.30 Zum ersten Mal
hat man hier die Bildsäulen zu beiden Seiten des
Eingangs gestellt, in mauervorsprungsartig gestalteten
Türleibungen, was erlaubte, nicht nur Vorderseite der
Gestalt sichtbar zu machen, sondern auch Körpersei-
ten zu entblößen, und damit einigermaßen den Relief-
charakter der Plastik zu überwinden. Das Portal
Saint-Etienne „nähert sich zweifellos am meisten
— inwieweit es im Rahmen des romanischen plasti-
schen Reliefs möglich war — der Form des gotischen
Figurenreliefs“ — stellte Willibald Sauerländer fest.36
Er gibt aber der Form, wie ich meine, irrtümlicherweise
einen normativen Charakter, verstanden als Elemen-
tenstruktur. Gemäß diesem Standpunkt ergab sich die
Reliefartigkeit der Plastik, romanisch bezeichnet, eben
daraus, daß die Künstler keine andere Formenwelt
kannten, und auch wenn, so konnten sie diese nicht
nachbilden, weil sie das ihnen vom Außen aufgezwun-
gene, man weiß nicht warum, Gesetz beachten mußten,
„das Rahmengesetz“ oder „Reliefgesetz“. Dieses Prob-
lem zeigt sich uns in einem ganz anderen Licht, wenn
wir der Idee den normativen Charakter geben. Also
jetzt, gemäß dem vorgeschlagenen Standpunkt, bedurf-
te die weitere Entwicklung der Bildhauerei der Ausar-
beitung neuer anthropologischer Konzeptionen, die
grundsätzlich das Verhältnis der Künstler zu den
dargestellten Gestalten änderte. Es mußte ein Prozeß
beginnen, in dem man von der idealistischen Men-
schenlehre wegging, und in dem sich die Theologen
mehr und mehr für die sich mehr der Natur nähernden
Lösungen interessierten. Dieser weittragende Umb-
ruch trat in der theologischen Schule in Chartres ein. Er
zeigte ein neues, bisher unbekanntes Gebiet der künst-
lerischen Gestaltung.

Die hervorragende Persönlichkeit der Schule in
Chartres war Gilbert delà Porrée (um 1076—1154), der
zuerst in Chartres bei Bernard von Chartres studierte,
dann Professor und Kanzler an dieser Schule wurde
(nach Bernards Tod zwischen 1124 u. 1130). Die
Kathedralschule in Chartres war eines der Zentren des
Platonismus im 12. Jh. Methaphysik der Gelehrten
dieser Schule setzte den platonischen Gedanken fort,
was, wie man annimmt, sehr die Ästhetik beeinflussen
mußte.37 Von den drei platonischen Ästhetiken favori-
sierte man am meisten die mathematische, die behaup-
tete, daß wahre Schönheit die Proportion ist. Diese
Thesen enthielt der .platonische Traktat „Timaios“
gelesen im 12. Jh. Da die scholastische Ästhetik eine der
Ursachen für Entstehung der gotischen Kunst war,
erklärt man für selbstverständlich, daß sich bei der
Kunst Chartreser Platonismus meldete.38 Auf diesem
Standpunkt stehend, bestimmt richtigem in Bezug auf
die Architektur, stoßen wir auf die Schwierigkeiten,
wenn wir Ideenquellen der plastischen Konzeption der
Bildsäule in Chartres zu erklären versuchen. Ihrer
beachtlichen Verkörperung und Individualisierung
mußten neue theoretische Lösungen vorausgehen, die
den platonischen, von Anfang an die christliche Kunst
anregenden Auffassungen abgingen. Gilbert de la
Porrée, sich der platonischen sprachlichen Logik und
der Metaphysik bedienend, bildete zwar eine plato-
nisch gefärbte Christologie, aber gleichzeitig lehnte er
in seiner Anthropologie alle augustinisch-platonisch-
neuplatonischen Tendenzen ab. In seiner Lehre ist der
Mensch weder Seele noch Leib, ihn konstituiert die
Kohärenz dieser beiden Elemente, deren Trennung
Tod bedeutet.39 So wird der Mensch etwas Drittes, weil
man ihn weder mit Seele noch mit Leib identifizieren
kann; der Mensch wird das, was aus Verbindung der
Seele und des Leibes entsteht. Gilbert kannte Aristote-
les’Lehre von der Seele als einer Form des Leibes, und
verhielt sich ihr gegenüber negativ. Er machte sich mit
dieser Lehre vertraut über Chalcydius’ Kommentar
zum platonischen Traktat „Timaios“.48 Chalcydius hat
entweder falsch Aristoteles verstanden, oder absicht-
lich seine Menschenlehre entstellt, weil die von ihm
überlieferte Interpretation falsch war, womit er für
Jahrhunderte die Aneignung dieses heuristischen Ge-
danken gehemmt hat. Auf diese Weise entstand eine
sonderbare Situation. Porretanus, der sich in seiner
Menschenkonzeption so sehr der aristotelisch-thomisti-
schen Denkweise näherte, hat Aristoteles’ Lehre abge-

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