Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 23.1905

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gionsvorstellungen erzeugen und unterhalten
mußte; weshalb denn auch diese Bündnisse
von seiten des Pfarramts als aufgelöst
zu betrachten sind, und es darf mit keinem
derselben irgend eine kirchliche Feyer oder
Verrichtung ferner verbunden werden."
Umgekehrt ist nicht zu vergessen, daß man
die Mtßstände seitens der Gegner nicht selten
übertrieben hat. (Forts, folgt.)
Ucl<. Altdeutsche Alturwerlre in
Sicticuliurgett
gibt eS auch einige (zu vergl. „Altdeutsche
Bilder in Unaarn" im „D.-A." XXI,
1903, S. 141—143), und unter den-
selben nimmt das noch vorhandene Altar-
werk der evangelischen Siadipfarrkirche zu
Mühlbach den allerersten und vorzüg-
lichsten Platz ein, welches kürzlich im
„Archiv des Vereins für siebenbürgiscbe
Landeskunde", n. F., 32. Bd., S. 40—87
(Hermannstadt, bei Franz Michaelis, 1903)
eine eingehende Darstellung von Or. Viktor
Roth uuter Beigabe von sieben Tafeln
Abbildungen erfahren hat, auf welche nur
des näheren verweisen. Der Altar über-
rascht durch seine außerordentliche Größe,
die ihresgleichen sucht — bei einer Breite
von 5,75 m beträgt die Gesamlhöhe 13 m;
das Mittelstück mißt 2,45V- m in der
Breite und 3,30 m in der Höhe, die
Flügel sind 122,8 cm breit, während die
Milwerke eine Lichlweile von 1.05 x
1,50 m besitzen. Die Predella ist 165 cm
und die Bekrönung mit Ausschluß des
Kruzifixes 4 m hoch ; das Dreifaltigkeiis-
bild ist samt Umrahmung 3 m breit und
2 m hoch, ein wahier „Altctrriese" —
und gewinnt unsere Beachtung durch die
künstlerische Vollendung einzelner Teile
und durch die Harmonie seiner architekto-
nischen Konstruktion, die selbst die Stil-
Widrigkeit der aussatzartigen Bekrönung
aus jüngerer Zeit nicht sonderlich zu be-
einträchtigen vermag. Die Innenseite be-
steht aus geschnitzten Darstellungen und
zeigt in geöffnetem Zustande im Mittel-
felde den Stammbaum Jesu oder Mariä ;
auf dem Grunde des Schreines liegt der
schlafende Jesse oder Jsai, der Vater
Davids. Aus seiner Brust steigt ein
Baum auf, der sich in zwei Aeste teilt,
die sich rechts und links an den Seiten-
wänden des Schreines hoch ziehen, und

im großzügig stilisierien Laubwerk, dessen
Blätter deutlich die Absetzungen des
Akanthusblattes, also Renaissanceformen
zeigen, auf beiden Seiten je sechs Brust-
bilder trägt, deren jedes einen König aus
dem Hause Davids vorstellt. Alle sind
mit reich ornamentierteu Kronen ausge-
stattet, sieben von ihnen Hallen als Zeichen
ihrer Würde ein Scepier in der Hand.
Die Mitte nimmt die lebensgroße Statue
der Maria mit dem Jesuskinde ein; sie
steht aut der Mondsichel, welche aus einem
Blätterbündel hervorsieht, das auf dem
Mittelstamm des aus der Brust des Jsai
! hervorwachsenden Baumes ruht. Die
Flügel haben vier Hochreliefs aus dem
Marienleben, die oben, ebenso wie das
Mittelstück, durch ein gotisches Pflanzen-
ornament abgeschlossen sind, und zwar
enthält der linke Flügel die Verkündigung
Mariä, darunter die drei Weisen aus dem
Morgenlaude; der rechte Flügel die Heim-
iuchung und darunter die Beschneidung
des Christuökuaben. Alles ist polychrom;
das Material, aus dem die Reliefs und
Statuen geschnitzt sind, Lindenholz. Die
Außenseite des Altares besteht aus
auf .Kreidegruud gemalten Tafel-
gemälden, und zwar zeigt der Altar
in gesch lossenein Zustande acht Stück:
die obere Reihe zeigt von rechts nach links
gesehen Christus am Kreuze mit Maria
und Johannes, Joachim und Anna unter
der goldenen Pforte (nicht, wie es bei
Roth heißt, „Vermählung Josephs und
Marias"), die Bestimmung Josephs zum
Bräutigam der Maria, das sogenannte
„Stabwunder" — nach der Marienlegende
wurde nämlich der Bräutigam Marias
durch Blühen eines Stabes bezeichnet —,
Christi Himmelfahrt. Die untere Reihe
weist die Auferstehung Christi, Christi Ge-
burt, die heilige Sippe und die Aus-
gießung des heiligen Geistes auf. Nach
Roth zählen diese acht Malwcrke zu den
besten altdeutschen Leistungen, die im
Sachsenlande erhalten geblieben sind.
„Die Linienführung ist mit großer Sicher-
heit gehandhabt, die anatomischen Verhält-
nisse zum größten Teil richtig aufgefaßt
und nur dort ein Opfer der Verzeichnung
geworden, wo der Maler die perspektivische
Verkürzung anbringen wollte, wie bei dem
nackten Jesuskinde auf der Geburtödar-
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