Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 23.1905

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verwandle Sage vom Aufenthalte des Her-
zogs in einer andern schwäbischen Höhle
wollte ich bloß als unterstützendes
Moment, aber keineswegs als Beweis,
noch viel weniger als „einzigen Beweis"
nebenher hereinnehmen. Dabei ist aller-
dings versehentlich die Nebe lhöhle
statt der sogenannten, für die eigentliche
Frage gar nicht in Betracht kommenden
Ulrichshöhle bei Hardt, OA. Nür-
tingen, auch „hohlen Stein" genannt
(und in Wirklichkeit mehr eine große
Felsenspalte denn eine Höhle), gesetzt,
dies aber gleich nach dem Neindrnck,
noch vor der letzten Veröffentlichung des
Herrn Schneider, im Index des „D.-A."
von 1904 berichtigt worden. Wie
sollte ich renn auch die Höhle, welche der
Fürst nun nachgewiesenermaßen tatsäch-
lich besucht hat, durch eine bloße (längst
gekannte, n. a. auch von G. Schwab be-
sungene) Sage, wie eS die vom „Hohlen-
stein" eben auch ist, Nachweisen können
oder wollen? !
Wciuore Mitteilungen.
Ein Zeitmaß der Ewigkeit.
In dem dnrch seine „treffenden Gegensätze
und tiefsinnigen Vergleichungen wunderbar er-
greifenden" Liede von der Ewigkeit (Diözcsan-
gesangbuch Nr. 159) laritet die vierte Strophe:
. . . . Sollt' tragen fort ein Vogel klein
Wohl aller Berge Sandkörnlei»,
Und nahm' nur eins all tausend Jahr:
Die Einigkeit blieb wie sie war.
Zellers') Angaben über dieses Lied sind
ziemlich dürftig; die vielfachen literargeschichtlichcn
Beziehungen der angeführten Strophe sind ganz
ohne Beachtung geblieben. Das gewaltige Bild
von der Ewigkeit entsprang der Gedankenfülle
Heinrichs von Suso (gest. 1365). In dem
weitverbreiteten „Büchlein von der ewigen Weis-
heit"") liest man:
Owe wir gertin nit ander; wan wer! ein
mülistein. alz breit alz allez ertrich, und umb
sich alz groz daz er den himcl allenthalb ruorti.
vnd kenn ein kleine; vögellin ie über hundertusent
iar. vnd bisst ab dem stein, als groß alz der
zehende teil, ist eins hirs körnlins. Vnd aber
über hundertusent iar. so uil. Also daz ez in
zehenstunt hundert tuscnt iaren. alz vil ab dem
stein geklubeti alz groß ein ganzes hirskörnli ist.

') Das Gesangbuch der Diözese Nottenburg.
Beiträge zu einer Geschichte seiner Texte und
Weisen. Tübingen >871, pax. 140.
") Nach der auf der Bibliothek der Wasscr-
kirche zu Zürich befindlichen Pergamenthandschrift.
Abgedruckt in Wackcrnagels Altdeutschem
Lesebuch, 2. Aufl. Basel 1839, Sp. 880—881.

Wir armen begertin nit ander;, denn so dcz
steine; ein ende weri. daz vvch ünsrin ewigin
marter ein ende hctti. vnd daz mag niut sin.
Neinhold Köhler, einer der erfolgreichsten
Forscher auf den, Gebiete der vergleichenden
Literaturgeschichte, hat zu diesem grandiosen Denk-
texte eine staunenswerte Fülle von Parallelen
beigebracht,') woraus ein deutlicher Begriff von
der starken Wirkung des Bildes abgezogen wer-
den kann. Ich möchte hier eine bemerkenswerte
Stelle nachtragen. Schon Gödeke (Ilverv man re.
1855) hatte darauf aufmerksam gemacht, daß die
Predigtliteratur, die christl. Erbauungsbücher re. re.
sür die Zwecke der vergleichenden Literaturge-
schichte »och viel zu wenig durchforscht seien, und
in der Tat stellen sie oft die Hauptkanäle dar,
durch welche Stoffe der Weltliteratur in die
Volksdichtung hinüberströmten. Eine solche ver-
mittelnde Stellung darf zuverlässig auch einem
weitverbreiteten Buche Martin Pruggers
zugeschrieben werden. Es führt den Titel: Lehr-
und Exempelbuch .... dom gemeinen unge-
lehrten Volck / dem cs auch gar füglich sür ein
Hauß-Buch dienen mag .... Mir liegt die
9. Auflage von 1749 (das Imprimatur ist vom
Mai 1724 datiert), Augspnrg und Würtzburg,
vor. Hier, pag. 761, findet sich folgende Stelle:
„Bilde dir ein . . ., daß sich von Anfang
der Sonnen biß zum Nidergnng ein Sand-Berg
erstrecke, und von der Erden biß in den höchsten
Himmel, wo GOtt mit seinen Auserwählten glor-
würdig regieret, sich hinauf strecke: gesetzt auch,
daß nach Anordnung GOttcs über hundert tausend
Jahr allzeit nur kommete ein Spätzlein, und trüge
nur ciu eintziges kleines Saud-Körnlein mit seinem
Schnäblcin hinweg: und dieses so lang und vil,
bist endlich der ungeheure Sanv-Berg nach und
nach wurde völlig Körnlein - weiß von disem
Spätzlein abgetragen. Ach! wie vil Millionen,
Millionen, Millionen Jahr wurden verfließen,
biß dises geschchete, und diser ungeheure Sand-
Berg völlig wurde hinweg getragen seyn, und
dises wurde doch endlich geschehen; aber an der
Ewigkeit ist nichts hinweg kommen; was ewig
ist, hat kein End. Bilde dir ein, daß die gantze
Welt sepe aus Eisen, Ertz oder Stachel! und
gesetzt, es kommete alle hundert Jahr ein kleines
Vögelein, und wetzete an diser ungebeuren großen
Welt-Kugel, so aus Eisen, Ertz oder Stachel ge-
macht, sein Schnäblcin so lang und vil, bist
es ein kleines Stäublein hinweg wetzete. Ach!
wie vil hundert tausend Millionen, Millionen,
Millionen Jahr wurden verfließen, biß dise Welt-
Kugel völlig verzehret wurde, und wurde doch
endlich auch verzehret werden; aber an der Ewigkeit
ist nichts hinweg kommen: was ewig, ist ohne End."
P ru g g er s Darstellung geht auf Dionysius
Carthusianus (gest. 1471) zurück, dessen Lor-
ci,Lle cle guuluor novissimis 1493 zu Colonic ge-
druckt ward. Hier die Stelle Bl. 50. Das Buch ist
außerordentlich selten geworden.
Jos. Karlmann Brechen mach er.
') In der „Germania" (Pfeiffer) V111 (1863)
pa§. 305-307. Erweiterter Abdruck in den „Kleinen
Schriften" von Neinh. Köhler. Herausgegeben von
Joh. Bolte. Berlin 1900. II. Bd. pag. 37—47.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volkoblatt".
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