Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 23.1905

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nungen sind in so erregten Zeiten, wie in
der Reformation, durchaus nichts Unge-
wöhnliches. Keim erzählt a. a. O. S.
315/316 teils aus RychardS Briefen, teils
aus Crusius zwei weitere ähnliche Vor-
kommnisse, so eines von einem vorher ganz
normalen, dann auf einmal verrückten
„Schultes" von Betzgenried bei Göp-
pingen, welcher auf einmal anfing, Ge-
sänge, Antiphonien, Nespvnsoricn in seinem
Hause lateinisch vorzutragen, und von
seinen Bauern bis nach Ulm hinein als
vom Teufel besessen verschrien wurde.
Der Mann hatte viel im Kloster Blau-
beuren, wohin sein Ort teilweise gehörte,
amtlich zu tun und da die lateinischen
Gesänge in sich ausgenommen. Der
andere Fall betrifft eine auf übermäßiges
Bibelleseu und -Auslegen zurückzuführende
Seher- und Prophetengeschichte aus dem
stillen, weltabgelegenen Lautertal, einem
Seitentälchen des Blautales zwischen Ulm
und Blaubeuren, welche allerdings bei
Crusius („Schwäbische Annalen", d. Moser-
sche Ausgabe, II, 3. Teil, 11. Buch,
5. Kap., S. 228) etwas anders erzählt
wird. Auch sonst in Deutschland trugen
sich damals derlei „Geschichten" zu; einen
ganz ähnlichen, interessanten Fall berichtet
aus dem Sachsenlande die „Newe Zey-
tung. / Von einem Megdlein / das ent-
zückt ist gewest, vnd was wunderbar- /
liche Rede es gethan hat, geschehen / zu
Freyberg in Meyssen / im Jar.
L4.V.O.X. / (1560) 4°. Nürnberg, G.
Kreydlein". Mil Recht mißbilligt Nychard,
solche ganz überflüssige Einführung dämo-
nischer und teuflischer Einwohnungen als
un evangelischen Aberglauben und
meint, wenn die neue Lehre das Reich des
Evangeliums sein solle, dann müsse sie
jedenfalls von solchem Aberglauben frei
sein.

Lum Mediztiialwesen der Reichs-
stadt Gmünd
vom 14. bis 19. Jahrhundert.
Von R. Weser, Kaplan.
Die folgenden Ausführungen mögen
eine kleine Ergänzung bieten zu dem
Material, das in dem eben erschienenen
Werk über das Hospital zum hl. Geist in
Gmünd S. 63 f. in dem Kapitel über

„Aerztliche Verhältnisse" *) niedergelegt
worden ist, und zu den wenigen Be-
merkungen in der Oberamtsbeschreibung
von Gmünd.
Der älteste urkundlich bezeugte Gmünder
Arzt ist Meister Peter v. Grünen-
berg, ca. 1360 in Ausübung seiner
Kunst tätig. In einem der beiden ältesten
Anniversarien (ke§istrum ^nnivers. 1Z20
lol. 19) ist verzeichnet: Anniversarium
maZistri ketri pllisici pera^ekur teria II
Oe mane posk Xativitatis Llariae cum
1 Pfund acl viZilias. Auf ihn folgen
Hans vom Schwert und Nikolaus
vom S ch w e r t (ck. Oberamtsbeschreibung
von Gmünd S. 257).
') Der vollständige Titel dieses schön aus-
gestatteten trefflichen Werkes, in welchem wir
übrigens eine Darstellung der Spitalpasto-
ration vermissen, lautet: Das Städtische
Hospital zum hl. Geist in Schwäb. G m ü n d
in Vergangenheit und Gegenwart, mit einer Ab-
handlung über die Geschichte der Hospitäler im
Altertum und Mittelalter und einem medizinisch-
wissenschaftlichen Anhang, unter Mitwirkung von
I. N. Denkinger, Pfarrkurat in Pommerts-
weiler, herausgegeben von vr. A. Wörner,
mit Titelbild, 5 Tafeln und 34 (hübschen und
interessanten) Abbildungen <IX -s- 265 Seiten),
Tübingen, Verlag der H. Lauppschen Buch-
handlung, 1905, Ladenpreis geh.: 12 M. Das
Werk zerfällt in zwei Teile, einen geschichtlichen
(S. 1—295) und einen medizinischen über die
im genannten Spital in den letzten Jahren be-
handelten Kranken und Operierten nebst einigen
Spezialabhandlungen über Operationen (II S. 1
bis 250). Der geschichtliche, uns hier allein
interessierende Teil (von Wörner) gibt zunächst
eine Geschichte der Hospitäler bis zum 15./IN.
Jahrhundert und.geht daun aus das Gmünder
Hospital in folgenden Abschnitten ein : Entstehung
und innere Verhältnisse während der reichs-
städtischen Zeit ca. 1260-1803 (S. 1—34);
ärztliche Verhältnisse (S. 63—69); das Spital
im 19. Jahrhundert: Neuorganisation des ärzt-
lichen Dienstes und Einführung modernen Kranken-
hausbetriebes <S. 69—99) im allgemeinen.
Die spezielle Geschichte gibt (auf I S. 99
bis 295) Denkinger auf Grund der Urkunden und
Akten des Spitalarchivs samt urkundlichen und
tabellarischen Beilagen (S. 190 — 295) in folgenden
Abschnitten: Anfänge; das Spital unter Leitung
von Brüdern und die Entwicklung zum Bürger-
spita! 1269—1345 (S. 99—113); das Bürger-
spital unter Aufsicht und Leitung von Bürger-
meister und Rat 1845—>500 (S. 113—126>;
Spital und städtische Armenpflege 1500—1802;
Armcufürsorge im 16. Jahrhundert; Bedeutung
des Spitals innerhalb der reichsstädtischen Ver-
waltung ; Aufsicht und Rechnungswesen im 16. Jahr-
hundert; Spital und Armenpflege vom 30jährigeu
Krieg bis zum Uebergang an Württemberg
(S. 126—190). Red.
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