Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 7.1862

Page: 162
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dioskuren1862/0178
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
162

züglich und überhaupt das Ganze trefflich gemalt. — Die
„Scene aus dem deutschen Bauerukriege"von F. Strie-
bet in München ist ein schon etwas verbrauchtes Sujet.
Das wilde Kriegsvolk hat sich im Kellergewölbe des Klo-
sters bei den Weinfässern eingcfunden und die feisten Mön-
che i» einen Erker zusammen getrieben, wo zwei Kerle
ihnen den Text lesen, während ihr Anführer, ein böser Mon-
sieur, mitten im Bilde sitzend, ihren treffende» Worten zu-
frieden zuhört. Das Bild ist in kräftiger Färbung sehr-
gut ausgcsührt. — Eben so tüchtig ist das Bild von G.
E. Stamm el in Düsseldorf, das uns ein kleinstädtisches
Gericht zeigt: ein Gerichtshalter mit seinem Protokroll
führenden Sekretär sitzen am Tisch, vor welchem eben ein
ehrlicher Bauer einen Eid leisten muß. Im Vordergründe
sitzt auf einem Stuhle ein eben gefaßter Galgenschwengel, das
beste Konterfey aus den: Werkchen, an dessen Sujet man
sich übrigens sehr bald satt sieht. — Von E. Gcselschap
in Düsseldorf ist ein Familicnbild, vielleicht Porträt, sehr
zu loben. Die großmütterliche Matrone hat nämlich das
jüngste, siebente Brüderchen in Windeln auf dem Schooße;
vier Knaben und zwei Mädchen gruppirteu sich um dieselbe,
um sich des neuen Ankömmlings zu erfreuen. Der Kopf
der ehrbaren Großmama ist sehr gut, ebenso die frohen
Antlitze der größeren Knaben, während der mittlere mit
seinem Bogen sich affektirt präsentirt. Das ganze Bild
ist sehr tüchtig gemacht und hat einen noch erhöhten Werth,
wenn es ähnliche Portraits darbietet. — Das unpäßliche
Fräulein, das sich von ihrem Bruder etwas vorlesen läßt
von Albert Gräfle in München, ist nicht übel gemacht,
aber der Gedanke ist doch zu arm. — Von Ehr. C.
Magnussen, der erst vor einiger Zeit von Rom wieder
hierher zurückgekehrt ist, zieht ein größeres Werk, das

„eine alte Wahrsagerin, welche jungen römischen Mädchen
aus den Lineamenten ihrer Hände prophezeiht", veran-
schaulicht, die Blicke der Beschauer vielfach und länger auf
sich. Die Mädel präsentirteu sich in kräftiger, saftiger
Farbe als römisches Vollblut; die hübschen Köpfe haben
einen dem Momente entsprechenden Ausdruck; das eine
Mädchen lächelt etwas ungläubig über die eben von der
von der Alten vernommene Weissagung, während das
andere eine uns noch besser behagende Verwunderung zu er-
kennen giebt; auch der hinten im Schatten horchende Kraus-
kopf ist gar nicht übel. Hätten wir an dem Werke des
schätzenswerthen Künstlers etwas auszusctzen, so wäre es
dessen Dimension, die, auf die Hälfte reducirt, dem Sujet
vielleicht anpassender gewesen sein dürfte. — Herm. ten
Kate's (Amsterdam) „Bauernschenke" mit zahlreicher Ge-
sellschaft, von welcher sich zwei Individuen beim Karten-
spiel zanken, ist mit großer Pinselfertigkeit gemacht und
erweckt bei Solchen, die sich noch für selche verbrauchte
Sujets interessiren, vielfaches Interesse. — Aug. v. H eckel
in München hat, außer dem bereits gedachten riesigen Ju-
dith-Gemälde noch zwei kleinere Bilder ausgestellt, von
denen das eine, „das römische Forum bei Abendbeleuchtung",
und das andere „die Piazza Navona, den Gemüse- und
Fruchtmarkt in Rom bei Morgenbeleuchtung" zeigt. Letz-
teres ist uns erst zu Gefickt gekommen, welches durch seine
Lebendigkeit einen guten Eindruck macht. — Aug. Jern-
berg iu Düsseldorf wird mit seinem gemüthvollen Bilde:
„Das Familienglück", welches in Ausdruck und Ausführung
sehr anzuerkennen ist, schon Glück machen; die veranschau-
lichte Freude des Ehepaares über seinen prächtigen Buben
dürfte bei manchem Besucher Anklang finden.

Kunst-Chronik.

Berlin. — Dem Bildhauer, Professor Hagen, wel-
cher das Denkmal des Grafen Brandenburg fertigte, sowie
dem Erzgießer Gladcubeck, welcher dasselbe iu Bronce
goß, ist der Rothe Adler-Orden vierter Klasse verliehen
worden.

-Das Sprichwort „die Kunst geht nach Brvd"

hat wohl mehr oder weniger zu allen Zeiten gegolten. Daß
aber die Kunst — statt sich des natürlichen Organs, der
Kritik, zu bedienen — selber öffentlich in den Zeitungen
sich dem Publikum aubietet, wie es kürzlich vom Professor
Hermann in der Kreuzzeitung geschehen ist, möchte wohl
selbst iit dem sonst nicht grade zartfühlenden Frankreich zu
den Auffälligkeiten gehören. Indessen geben wir hier nach
dem Wortlaut der genannten Zeitung die mit C. Her-
mann Unterzeichnete Beschreibung seines Werkes wieder:
„In dem Atelier des Professors C. Hermann in Berlin
sieht ein größeres Gemälde seiner Vollendung entgegen.
Da cs vom Künstler gleich beim ersten Entwürfe durch
die Wahl des Gegenstandes für eine evangelische Kirche
über den Altar berechnet war, wünscht derselbe schon vor
völliger Vollendung desselben die evangelischen Gemeinden
davon in Kenntniß zu setzen. Der Gegenstand ist: Die
Wiederkunft des Herrn Jesu Christi. Der Moment: Die
Erwartung und Vorbereitung des jüngsten Gerichts, nach
den von dem Herrn selbst gesprochenen Worten, hier be-
sonders genommen aus dem Evangelium Mätthäi C. 24,
V. 30—31. Der Künstler wählte diesen Moment, nicht
den der vollendeten That des Gerichts, weil die Kirche,
dw Gemeinde, und jeder einzelne Gläubige zunächst in der
Erwartung des Kommens ihres Herrn, sowohl des täg-
lichen, wie des Kommens zum jüngsten Gericht steht, so
daß durch das Gemälde, ohne vorzugreifen, die Gemeinde
in ihrer Situation, in der sie sich eben befindet, gehalten,
und doch au das jüngste Gericht mit dem, was es jedem
bringt, erinnert wird. — Der Heiland komnit auf einer-

weißen Wolke in seiner Glorie herab. Der Menschensohn,
wie Manche annehmen zwar selbst das Zeichen, was die
Menschen vor dem Gericht im Himmel sehen werden, ist
aber dennoch im Gemälde von einem weißen Lichtkrcuz als
seinem Hanptsymbol und Zeichen umleuchtet. Er ist um-
geben von seinen heiligen Engeln, welche Posaunen, das
Buch deö Lebens, Palmen, Kronen und den Schlüssel zur
Tiefe tragen. — Die Auferstandenen, vor Allem die in
Christo Entschlafenen, sind harrend und werden, mit den
noch Lebenden durch die Wolken dringend, dem Herrn schon
entgegen gerückt. — Die alte Schlange, unter der Wolke
etwas sichtbar, welche vor dem Gericht auf kurze Zeit von
ihrer Fessel ans der Tiefe gelöst ist, versucht es, so es
möglich wäre, selbst die Auserwählten noch zu verführen.
Ein Engel, der eine Seele (einen Mann) im letzten Glau-
benskampf gegen die Schlange schützt, zeigt ihr den Schlüs-
sel zur Tiefe. Ein Rnbinenkreuz au seiner Stirn ist das
Zeichen seiner Macht über sie, vor welchem sich die Schlange
zurückbäumt und von dieser Seele abläßt. Eine zweite anf-
steigende Seele, hinter ihr ein Engel mit einem Kinde, bil-
den eine andere Gruppe. Es ist eine Mutter, aus großen
Leiden kommend, dennoch denkt sie beim Erscheinen ihres
Heilandes, in dessen Blute sie ihre Kleider gewaschen hat,
weder zuerst ihrer Leiden, noch an das ihr im Tode vor-
angegangene einzige Kind, sondern vor Allem an Ihn, der
gegeben und genommen, an ihren Herrn, der,fte so gnädig
geführt, so treu das Kreuz mit ihr getragen, und sie schon
im Leiden so selig gemacht hat. Dafür ist ihr die Frucht
und der Lohn ihres Glaubens, wenn auch hier ihr nock-
verborgen, schon bereit. Der Engel hinter ,ihr hält ihr
vornngcgangencs geliebtes Kind und eine Krone bereit, da-
mit sie beides auf ewig aus der Hand deö Herrn empfange.
Unter der Wolke Christi sind noch mehrere Gruppen sicht-
bar, sie weinen alle, noch sehen sie den Heiland, den Rich-
ter, nicht. Ein alter Mann wendet seine Augen nach ihm
verlangend zu ihm hinauf, doch die Wolke verdeckt ihn
loading ...