Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 7.1862

Page: 373
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Drutllhe Kunll-Zeitung.

1 Siebenter Jahrstang.

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Reransgegeben und redigirt (

von -

550. November

/ JM 48. -


Di-. Max Schasler,

Heransqeber des „Deutschen Kunst-Kalenders" in Berlin. <

1 1862.

---

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Inhalt:

Abhandclnder Artikel: Raphael's „Schule von Athen". (Forts.) Kunst-Kritik: Akademische Kunst-Ausstellung. II. Malerei.

Kunstchronik' Verschiedene Lokalnachrichten ans Berlin, Leip- , (Fortsetzung.)

zig, München, Wien. 1 Briefkasten. - Schwarzes Brett.

Raphael's „Schule von Athen".

(Fortsetzung.)

Obgleich das Bild dem Beschauer auf den ersten Blick
in der geöffneten Tempelhalle einen Mittelpunkt barbietet
und durch die hierauf bezügliche Stellung der Gruppen
und einzelnen Personen eine plastische Einheit gewinnt, ist
doch dein Zweifel und der Willkür in der genaueren Be-
stimmung der Figuren ein solcher Spielraum gelassen, dass
es noch in unseren Tagen möglich schien, hier Apostel und
Evangelisten zu finde», während man dieselben auf einem
anderen Gebiete — bei Raphael in der „Disputa“ — suchen
sollte. Hat aber der Künstler auf diesem Gemälde nicht
die Theologie, auch nicht die Gerechtigkeit und die Dicht-
kunst, sondern die Philosophie dargestellt, müssen wir doch
zugestehcn, daß auf demselben außer den Häuptern der ver-
schiedenen Philosophenschnlen noch andere Menschen, selbst
Kinder augetrofsen werden, die sich mit Grammatik und
Lektüre eines Buches, mit Arithmetik und Harmonielehre,
mit Geometrie und Astronomie beschäftigen, und liegt cs
nahe, hier die im Mittelalter so hoch gepriesenen sieben
freien Künste, das sogenannte Trivimn und Quadrivium,

als Grundlage und Inbegriff aller Philosophie vereinigt
zu sehen. Zum Trivium gehörten bekanntlich Grammatik,
Dialektik und Rcthorik, zum Quadrivium Arithmetik, Mu-
sik, Geometrie und Astronomie. Alle diese Künste werden
in Raphaels „Schule von Athen" gehörigen Ortes an-
gemessen repräsentirt. Die Rcthorik wird man nicht ver-
missen, wenn man bedenkt, wie eng dieselbe nach der An-
sicht der Griechen mit der Dialektik znsammenhing, daß
sogar die Sophisten sich für Leute ausgaben, die für Geld
die Kunst zu denken und zu sprechen, Wcltweishcit und
Beredsamkeit lehren wollten, und daß der Philosoph Aristo-
teles gegen 20 Jahre in Athen als Lehrer der Beredsamkeit
neben Jsokrates sich behauptete, wie denn auch derselbe
eine Rcthorik geschrieben hat. lleberdies werden wir fin-
den daß selbst Perikles, das glänzendste Beispiel der Be-
redsamkeit, auf dem Gemälde nicht vergessen ist. Nach
diesen Voraussetzungen haben wir für die Erklärung des
Bildes den großen Vortheil erlangt, daß zu der plastischen
Einheit desselben die historische hinzutritt, so daß es uns
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