Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Deutsche Kunst und Dekoration.

Am 26. Dezember des Jahres 1891 trafen sich die Pariser Künstler und
£~\ die ganze »grosse Welt« von Paris in den heute so berühmten Sälen
einer Privat-Wohnung, welche an der Ecke der Rue de Provence und
Rue Cauchat, nur wenige Schritte entfernt vom Hotel Drouot lag, genau
in der Mitte jenes von intensivem Leben erfüllten Künstler-Viertels, dessen
am meisten bekanntes Prototyp sich uns in der Rue Laffitte darbietet.
Herr Bing, ein angesehener Orient-Kenner und Verfasser eines prächtigen
Buches über japanische Kunst, ein in allen diesen Fragen eingeweihter Sach-
verständiger und Vermittler für die namhaftesten Sammler und Amateure,
verstiess plötzlich seine Bodhisatwa aus bemalten Hölzern, seine lackierten
toghidachi, seine Kozin, seine ehernen Bildwerke und seine duftigen Malereien
auf Reis-Papier oder Seide, um seine Pforten der modernen Kunst zu öffnen:
L'Art Nouveau! — Diese Entwickelung eines Mannes von Geschmack, welcher
das Wesen der Kunst wirklich erfasst und sich als Kenner Verdienste erworben
hatte, erregte grosses Aufsehen. Und sie war in der That von sympto-
matischer Bedeutung. Alle die, welche in den letzten zwanzig Jahren mit
einiger Aufmerksamkeit die Erneuerungs-Bewegung verfolgt hatten, die das
bisher so beschränkte Gebiet der dekorativen Künste erweitert und um-
gebildet hat, die verstanden den hohen Wert, die Logik und die Ernst-
haftigkeit jener Bekehrung sehr wohl. Seine Gegner — es gibt deren
noch einige — rekrutierten sich nur aus der Zahl derjenigen, welche
vielleicht eines Tages einmal zufällig irgend ein verunglücktes Modell,
Bazar- Artikel und Schleuder-Ware, ein ungemütliches Möbel oder
ein etwas übertriebenes dekoratives Motiv vor Augen hatten als
Inbegriff moderner Kunst, und die seitdem nichts anderes gesehen
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