Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Aus «Nibelungen«,

Jofeplj Sattler unb feine Werke.

J. Sattler. Initial a. ITibelungen.

nfer ben Kunft-
Werken gibt es
zwei Tirten, foldie,
Die man fofort
vergißt, fo febr
fie aud] gefeffelt
haben mögen, unb
foldie, bie man
fo leidit nfdit mx-
geffen kann ober
nie Dergißt. Sie
graben fieb in
unfere Seele r>iel-
leicht anfangs nid]t
ohne ihr TDiber-
ftrebenunbmadien
aus ihr eine Sdjaß-
Kammer. Sie finb
in ben großen
Kunft=flusftellungen toie Oafen in einer TDüfte
Don Sdiönljeit. Jüan led)zt nad] etwas Eeben-
bigem unb fiebe, ein fprubelnbes Rinnen unb
raufdienbes IDeben, fproffenbes örün unb
roiegenbe TDipfel - ein TDerk, bas bas fjerz
erfaßt, peil es fjänbe bat unb (Seift; bier
rebet bie TTatur roieber einmal ibre einfache
geroaltige Spradie bureb eines ibrer ihr
geborfamen Kinber. Cs rebet unb fpriebt,
es plaubert nicht nur, aus ber Seele tief unb
einbringlidi. Unb gebt man, fo nimmt man
flbfcbieb, bereidiert unb geboben; es mar
nid)t nur eine Straßen=Bekanntfcbaft, fonbern
eine bebeutfame Begegnung. - Jene anberen
in erbrückenber Überzahl roiffen nid)ts
eigenes, Crgreifenbes zu fagen, fie plaubern
bas Tages=6erebe. Sie künben eine erfahrene
gefebickte fjanb, ein geübtes Buge, einen
guten öefdimack, ein Ohr, gefebickt zu hören
bie Stimmen bes Tages - weiter nichts.
Aber biefe finb aus ringenbem, quellenbem

feben geboren, ihre Schöpfer mußten mit
unb in ihnen etroas fagen, beshalb rufen
fie hinein in bie Jüenge, bis fie Obren finben
für ihre Spradie. Aus ihnen fingt in mannig-
fachften TDeifen bie Künftler=Seele ihre Cr-
lebniffe; fo roerben fie zum flusbruck ihrer
Perfönlichkeir. Solche Kunft ift perfönliche
Kunft, echtefte Kunft; Früchte nidit nur oon
Eigenart unb Originalität, fonbern tief-
gerourzelter Perfönlidikeit. Sie kann nicht
erftubiert unb errungen werben roie bie
Kunft ber TTTengc. Sie ift ein öefebenk ber
TTatur. TDer fie bat, muß fid) Derbalten
roie ein roeifer Päbagoge. Cr muß road]fen
unb reifen laffen, roas in bie fjöbe null unb
mit heiligem öeroiffen nieberhalten, roas bem
Sproß ficht unb fuft rauben könnte. Solche
Künftler entwickeln fid), roie alles Eebenbige,
mit JTatur=TTotroenbigkeit, roie audi ihr TDerk
fid] entfaltet roie ber Baum unb bie Blume.

Jofeph Sattler's Kunft trägt ben Karakter
perfönlicher Kunft. Schon feine erften üer-
öffentlidjungen laffen fie ahnen, toie bie
Staube ben zukünftigen Baum. Sie zeigen
in jugenblicher Sproß=Kraft alle jene TTTerk-

J. Sattler.

Mus „Rrjeinifcfje Stäbte=Kultur"

1903. X. 1.
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