Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Gedanken Ober Crachf und Stil,

Ein Aufsatz über »Stil in der modernen
Kleidung« in dem Mai- und Juni-
Heft 1901 dieser Zeitschrift ruft in einer Reihe
feiner Bemerkungen die Notwendigkeit eines
lang vernachlässigten Stils auf diesem Gebiet
und dessen detaillierte Forderungen einem
ästhetisch empfindenden Leser-Kreis in das
Gewissen. Von der vollendeten Schön-
heit des nackten Körpers ausgehend, betont
die Verfasserin die Stil-Widrigkeit, die sich
die herkömmliche Tracht nicht nur durch
Fälschung dieser Formen, sondern auch
durch deren Zerstörung infolge falscher,
d. h. unberechtigter Linien - Führung zu
Schulden kommen lässt.
Die Verfasserin lässt dann
allerdings unter der Rubrik
»Schmuck« manches, was
mit der Gestalt des Körpers
nichts zu schaffen hat,
wieder zur Geltung kom-
men. In den Vordergrund
stellt sie jedoch unbedingt
die Verherrlichung der
Natur-Formen, und zwar in
erster Linie derjenigen,
welche typisch für das
Geschlecht sind. Bei der
Betonung dieser Forderung
will es mir scheinen, dass
ein wichtiges Moment nicht
gebührend zur Geltung
kommt. Wir sind wohl alle
darüber einig, dass das Stil-
Gefühl eine innige Har-
monie zwischen Form und
Inhalt verlangt, eine enge
Beziehung, die nie und
nirgends durch schroffen
Widerspruch durchkreuzt
werden darf. Das heisst
nicht, dass die Form sich
sklavisch Strich um Strich
an den Inhalt zu lehnen
hat, sondern dass sie ihn
gewissermaßen zum durch-
geistigten Ausdruck bringt.
Das Recht, in fantasievoller fu wt metzner—berlin.

Willkür etwas zu schaffen, das um seiner selbst
willen schön ist, soll der Form keineswegs
geschmälert werden, nur muss sie sich be-
scheiden, den Inhalt als Motiv nicht ausser
Acht zu lassen. — Betrachten wir in der
Architektur dies Verhältnis von Form und
Inhalt, so leuchtet es sofort ein, dass es die
Aufgabe eines stilrichtigen Wohnhauses ist,
in seiner Aussenseite die innere Anordnung
eines zweckmässigen und bequemen Heimes
nachempfinden zu lassen. Man sträubt sich mit
Recht dagegen, eine aufwärtssteigende Reihe
schmaler Fenster, die eine Treppe fingieren,
anzubringen, um etwa eine kahle Wand-

Familien-Gruft. Granit und Bronze.
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