Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Familien-fcandhäuier pon fceopold Bauer—Wien.

In Hütteldorf steht ein kleines, altes Haus,
ebenerdig, unscheinbar anzusehen, im
Innern aber mit den einfachsten Mitteln so
reizend ausgestattet, und so behaglich, als
es die alte Bauart erlaubt. Ein feiner, künst-
lerischer Sinn weiss auch dem Unschein-
barsten irgend eine Bedeutsamkeit zu geben.
Würden unkünstlerische Menschen jenes
Haus bewohnen, es wäre nicht anzusehen.
Eine sparsame Schönheit ist nun in dem
Hause ausgebreitet, von der man nicht sagen
kann, woran sie liegt. Weiss getüncht sind
die Wände, hellgelbe Eichenholz-Möbel sind
ökonomisch verteilt. Eine Treppe hoch ist
ein Vorraum, der Embryo einer Halle,
zum Atelier und den anderen Räumen
führend, das Dach geht schief darüber
hin, und in der schiefen Ebene liegen
die kleinen Fenster, von Stores aus
leichtem feinen Zeug verhängt, primitiv
nach bäuerlicher Art, und vielleicht
darum so heimatlich ergreifend, wohn-
lich und traut. Man würde nicht ver-
muten, dass hier ein moderner Archi-
tekt wohnt. Aber es liegt doch kein
Widerspruch darin, dass ein moderner
Künstler sich in dem alten ländlichen
Hause wohlfühlt. Der Architekt Bauer
geht ja sehr bewusst von der volks-
tümlichen Bauweise aus, die für ihn
das Volkslied der Architektur ist. Etwas
von dieser Weise klingt in seinem
Schaffen durch. Darum finde ich sein
Wohnen durchaus im Einklang mit
seinem Wesen. Was die alte Bauweise
Gutes hatte und was ihr mangelte
kann er stündlich in seinem eigenen
Heim verspüren. Diese Erkenntnisse
scheinen von grossem Wert für den
Künstler, der unaufhörlich neue Wohn-
stätten ersinnt, die ihren Bewohnern
alles geben sollen, was sie zu ihrer
Annehmlichkeit brauchen, vor allem
nach Baumeister Solness das Gefühl,
»dass es ein recht glückliches Los ist,
da zu sein, in dieser Welt. Und am
glücklichsten, einander anzugehören —
im Grossen, wie im Kleinen.« Bau-

meister Solness, das ist kein zufälliger Ver-
gleich. Behagliche, trauliche, helle Heim-
stätten zu schaffen, die jenes Gefühl ge-
währen, das ist nun seine Arbeit.

Entwürfe sind ausgebreitet und Plan-
Skizzen von Familien-Häusern, die Leopold
Bauer in den nördlichen Provinzen Öster-
reichs baut. »Drei Momente sind beim
Familien - Hause zu bedenken« , sagt der
Architekt. Namentlich in jenen Gegenden,
wo das Haus einsam liegt, und abgeschnitten
von den Kunst-Zentren, muss es selbst ein
Kultur - Zentrum sein, und alles enthalten
was zu einem möglichst vollkommenen

MATH. WEIL—PHILADELPHIA. »Löwenzahn-Ketten».. Photogr.
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