Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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FRANK EUGENE-—MÜNCHEN.

Kinder-Doppel-BUdn is.

Die Erlte internationale Ausheilung für künftlerHche
Bildnis-Photographie in Wiesbaden, 3uni 1903,

Mag man noch so gering von dem
Verhältnis unserer Nation zu den
bildenden Künsten denken, ein
künstlerisches Bedürfnis gibt es, das nahezu
von Allen geteilt wird, der Wunsch nach
dem Besitz eines tüchtigen Bildnisses der
eigenen Person und der nächsten Familien-
Angehörigen. — Aber dies im Volke leben-
dige Kunst-Bedürfnis harrt noch immer der
Befriedigung, wenn man von den wenigen
Glücklichen absieht, die hierfür bei den
heutigen übertriebenen Preisen*) die Hülfe
des Malers in Anspruch nehmen können.

Man erinnert sich noch, welche Hoff-
nungen in dieser Hinsicht der Photographie
bei deren Aufkommen entgegengebracht
wurden; man weiss aber auch, wie grausam
diese enttäuscht werden sollten, so dass es
schliesslich ein aesthetischer Lehrsatz wurde,
die Photographie sei ihrer Natur nach, schon
als Produkt eines mechanischen Instrumentes,
nicht im Stande, ein lebendig wirkendes
Bildnis zu schaffen. — -—

Die herkömmliche Berufs-Photographie
hat durch ihre Leistungen bis heute diese
Anschauung noch nicht widerlegt: die nichts-
sagenden, leeren und dabei noch obendrein

*) Anton Graff, geb. 1736, gest. 1813 zu Dresden,
der erste Bildnis-Maler seiner Zeit in Deutschland, begnügte
sich mit 30—50 Thalern für ein Bild, dafür hat er deren
1655 hinterlassen (Museen zu Dresden, Leipzig, München).

1903. XI. 1.

meist abscheulich posierten Gesichter, die statt
aus Fleisch und Blut aus teigähnlicher Masse
gebildet zu sein scheinen, die gequälte und
unnatürliche Körper-Haltung, das lächerliche
Beiwerk von unmöglichen Möbeln und
Palmen und abgeschmackten Hintergründen,
wer kennte sie nicht? Dazu statt Unter-
ordnung des Nebensächlichen unter das
Wesentliche das Gegenteil: die gleich-
gültigsten Dinge, der Stoff des Anzugs, die
Knöpfe, die Kravatte, mit jener übertriebenen
Sorgfalt von der Linse ausgezeichnet, die
uns auf landschaftlichen Aufnahmen vor lauter
Blättern den Baum nicht finden lässt, nur das
einzig wichtige, das Antlitz verschwommen
und unsicher in der Formgebung. Auch sonst
meist keine künstlerische Einheit und Har-
monie, der Hintergrund nicht zusammen-
gestimmt mit der Figur u. s. f. in infinitum.

Der Leser nehme eine beliebige Photo-
graphie zur Hand und halte sie neben die
Wiedergaben, die diesen Aufsatz begleiten,
will er sich klar werden, was alles die
herkömmliche Atelier-Photographie entbehrt
und was eine vollendete Photographie zu
bieten vermag. Dort nichts wie Unnatur,
geistige Hohlheit und eine fade, schwächliche,
meist unharmonische Erscheinung, hier Kraft
und Leben, Geist und Seele und ein vor-
nehm-distinguiertes Auftreten. — Diese Bilder
zeigen, wie falsch der Schluss war, die
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