Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Etwas über die üeubelebung der Sruck-Üedinik.

Seit den Tagen des Barock, Rokoko
und Zopf können wir von einer künstle-
rischen, materialentsprechenden Stuck-
Technik wohl kaum reden. Unseren Archi-
tekten, insofern sie Eklektiker sind, machte
das nicht allzu vieles Kopfzerbrechen. Besten
Falles bedienten sie sich bei Ausschmückung
ihrer Räume bereits vorhandener Stil-Formen
der jeweiligen Stil-Periode. In den seltensten
Fällen nahmen die Architekten Rücksicht
auf die Technik. Solange es sich um histo-
rische Stile handelte, die dem Wesen der
Stuck-Technik entsprechende Arbeiten ge-
zeitigt haben, empfand man naturgemäss die
Rücksichtslosigkeit gegen die Technik nicht
so sehr; doch als das Publikum auch auf
diesem Gebiete nach etwas Neuem verlangte,
machte sich das Übel bemerkbar und es
entstanden Stuck - Decken im grassesten
»Jugend-Stil«; selbst Architekten bedeuten-
den Rufes kamen über einen ganz zweifel-
haften Naturalismus häufig nicht hinweg.

Das Gebiet der Stukkatur zerfällt in
zwei Teile. Den ersten Teil bilden die hand-
werksmäßigen Vorarbeiten, wie das Ziehen
von Gesimsen, Profilen, Hohlkehlen, Rippen
etc. und das Versetzen und Anquetschen ge-
gossener Teile; den anderen Teil, die orna-
mentalen Ergänzungen, das Modellieren der
zu ersetzenden Teile und das Antragen pla-
stischer Zuthaten in Stuck - Mörtel. Schon
mit gezogenen Feisten und Rippen allein
sind sehr künstlerische Wirkungen möglich.
Wir können zum Beispiel durch zweck-
mässige, struktive Anordnung von Rippen,
einen verhältnismässig niederen, gedrückten
Raum höher erscheinen lassen und so den

Beschauer durch optische und lineare Wir-
kung über die Dimensionen des Raumes
hinwegtäuschen. Umgekehrt kann man, wo
es erforderlich ist, einem Raum Wucht und
Geschlossenheit zu geben, durch massige
Gliederung und kräftige Plastik wirken.
Wie unzählige neue schmückende Formen
die Technik des Antragens mit Stuck-Mörtel
ermöglicht, wird aber nur der erkennen, der
die Technik selbst beherrscht. Er wird dann
bald empfinden, vorausgesetzt, dass er sich
einen notwendigen Schatz an Formen aus
der Natur geholt hat, wie unsinnig es ist,
die nächstbeste Blume an die Wand zu tragen.
Er wird gezwungen sein, die Natur-Form
in die Technik zu übersetzen und wird ein-
sehen müssen, dass ein angetragenes Orna-
ment sich wesentlich von einem modellierten
und versetzten Ornament unterscheiden muss.
An Modelleuren fehlt es keineswegs; wo
aber sind diejenigen, die sich in dieser
Technik künstlerisch bethätigen?

Aus diesen Überlegungen heraus ent-
schlossen sich die Herren Obrist und v. Deb-
schitz, mir in ihren Lehr- und Versuchs-Ateliers
eine Fach-Werkstätte einzurichten, in der
hauptsächlich die alte Technik des Antragens
in Stuck-Mörtel eine Neu-Belebung erfahren
soll. Es sollen dort Modelle für den plas-
tischen Schmuck unsrer Wohn- und Reprä-
sentations - Räume, sowie unsrer Fassaden
geschaffen werden, um der banalen Markt-
Ware entgegen zu treten und um unseren
Architekten zu zeigen, dass man nicht stets
zu »süddeutschem Barock« seine Zuflucht zu
nehmen braucht, um eine Fassade zu
schmücken. Friedrich Adler—München.

FR. ADLER—MÜNCHEN.

Schluss - Vignette.
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