Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Der Weg vom ncifur» Studium bis zum Ornament

r/*\e Musik gilt mit Recht für die-
jenige Kunst, die am unmittel-
barsten und ohne jegliches Bei-
werk auf uns wirkt. Von
diesem Gesichtspunkt aus be-
trachtet, steht ihr das Ornament
am nächsten. Was dort Töne sind, sind hier
Formen. Jede auch noch so diffizile Feinheit
der Musik lässt sich formal wiedergeben.
Die Wirkung, welche diese Art Form-Kunst
auf unser Gemüt ausübt, bleibt jedoch immer
hinter der der Töne in Bezug auf Intensität
weit zurück. Wir werden bei beiden Kunst-
Gattungen diejenigen Werke für die vollen-
detsten halten, welche die beabsichtigten
Gemüts-Affektionen am stärksten und reinsten
in uns hervorrufen. Die eingangs erwähnte
Ähnlichkeit von Musik und Ornament legt
uns den Gedanken nahe, dass auch die
Wege, dies zu erreichen, sich in manchen
Punkten berühren. Zunächst können wir
annehmen, dass die reinste Wirkung diejenige
ist, welche ohne jegliches Beiwerk zustande
kommt. Worin letzteres besteht und wie
es zu vermeiden ist, wollen wir untersuchen.

Wir sind darauf angewiesen, die uns
umgebende Natur als Quelle für unsere
Form-Kunst zu benutzen. Es ist klar, dass
diese Benutzung nur eine beschränkte sein
darf, wenn ausser der beabsichtigten Affektion
nicht noch andere nicht dazugehörende
Gefühle in uns ausgelöst werden sollen.

Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet,
erregt es einige Freude, konstatieren zu
können, dass der Blumen-Schmuck des

Geburtstag-Tisches und der Orangen-Baum
nicht mehr die einzige Quelle des Ornaments
bilden. Wo heute noch Schnee-Glöckchen,
Alpen-Veilchen usw. stilisierterweise ange-
troffen werden, geben sie den Vorgeschrittenen
Veranlassung, sich jeder Kritik, als verlorene
Liebes-Mühe, zu enthalten.

Die Idee, einzelne Blumen, interessante
Zweige und elegante Halme als ornamentalen
Schmuck zu verwenden, istaus Japan importiert.
Schon lange vor dem Beginn der modernen
Bewegung in der angewandten Kunst nahm
man sich dieses Land zum Vorbild. Ich weise
auf die Stickerei-Motive, Porzellan-Dekors usw.
hin, die damals entstanden. Man darf eine solche
Nachahmung von Ornament-Motiven, die
Jahrhunderte einer blühenden Entwickelung
hinter sich hatten, als eine Vermessenheit
bezeichnen, wenn nicht eine hochgradige
Urteilslosigkeit bezüglich des Kunst-Wertes
der japanischen Originale dabei ausschlag-
gebend war, ganz abgesehen davon, dass
ein von dem unsern so grundverschiedenes
Volk wie dieses auch eine für unsere Zwecke
unbrauchbare Kunst-Übung besitzen muss.
So fand man denn bald heraus, dass »ge-
schmackvoll arrangierte« Zweige und Blumen
in keiner Weise unseren Anforderungen an
ein Ornament entsprechen. Es bezeichnet
den Beginn der neuen Bewegung, dass man
zu stilisieren anfing. Gleichzeitig warf man
die Japaner vollkommen über Bord: man
hatte vergessen, dass die Wiege dieser
ornamentalen Kunst in deren Lande ge-
standen hat. Man ignorierte alle Details
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