Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Dr. Daniel Greiner:

FRANZ METZNER IIKRMN.

Studie. Kohle-Zeichn

Franz Metzner—Berlin.

Nicht ohne guten Grund spricht der
Bildhauer vom Aufbauen einer Figur
oder einer Gruppe, der menschliche
Körper ist ja eine lebendig gewordene
Architektur. Seine herrlichen Formen sind
nur das schmiegsame, fliessende, wechsel-
reiche Gewand einer klaren festbestimmten
Struktur, je besser es dem Bildhauer gelingt,
sie durch die Formen deutlich leuchten zu
lassen, um so wahrer und harmonischer wird
sein Werk. So sind Architektur und Plastik
innerlich verwandte Künste, darum erreichen
beide ihre gewaltigste Wirkung da, wo sie
sich einen in harmonievollem Bunde, in der
monumentalen Kunst.

Grosse Kulturen schufen von jeher als
wuchtigsten und bleibendsten Ausdruck ihrer
Individualität grosse Architekturen. Mit
ihnen innig verbunden erblühte eine grosse
individuelle Plastik. In nie wiedererreichter

Vollendung zeigen diese Thatsache der
griechische Tempel und der gotische
Dom, die sprechendsten Denkmäler
und Dokumente der höchsten künstle-
rischen Kulturen, welche die Geschichte
kennt. Die ernsten Figuren der Giebel-
Felder des griechischen Tempels, die
Reihen der Metopen, die Friese des
Innen-Raumes fügen sich rastlos der
hehren säulengetragenen Architektur.
Diese dient nur dem einen Zweck der
weiheerfüllten Wohnstätte des Bildes
der Gottheit, welches in seinem ernst
würdigen Aufbau und Karakter mit dem
umschliessenden Innen-Raum und der
äusseren Architektur mit ihrem reichen
bildnerischen Schmuck einen Bund
höchster Einheit und Schönheit schliesst.
Das ist monumentale Kunst in höchstem
Sinne. Das feine Gefühl für die Zu-
sammengehörigkeit beider Künste zeigt
seinen stilbildenden, heilsamen Einfluss
auch in den freistehenden Figuren
beider Kunst-Epochen, die Erkenntnis,
dass gute Plastik wirken müsse wie
gute Architektur, um völlig und gross
zu wirken. Von dieser Erkenntnis ist
Metzner tief durchdrungen. BeideKünste
gehören ihm zusammen. Er möchte seinen
ernsten Gestalten angemessene Hintergründe
und zustimmende Räume schaffen, welche die
in jenen angeschlagenen Akkorde voll aus-
klingen lassen. Er will weihevolle Räume
bauen und ihre grosszügige Sprache beleben
mit Gestalten von gleichem Geiste und
gleicher Stimmung. Es drängt ihn zur
Tempel - Kunst, in der beide Künste sich
einen zu wuchtiger Wirkung, um den Ein-
tretenden mit jener Stimmung ernster Weihe
weich zu empfangen, die so unmittelbar in
die Arme der Schönheit führt. Das ist das
grosse Ziel, dem Metzner zustrebt, die monu-
mentale Kunst. Er begann mit eingehenden
architektonischen Studien. Sein lebhafter
Trieb nach Gestaltung drängte ihn bald zur
Plastik, die instinktive Erkenntnis des gleichen
inneren Wesens beider Künste führte ihn
zur Monumental-Kunst, die die unnatürliche
Trennung aufhebend beide umfasst, ihre Ver-
bindung zu Einheit fordert und erstrebt.

ung.
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