Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Hanna Müller—Friedenau: Gedanken über Tracht und Stil.

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Wie an einer Fassade Fenster, zu ver-
schiedenen Zimmern gehörig, zu einer Gruppe
zusammengerafft werden, so braucht auch
die Umgrenzungs - Linie eines einzelnen
Kleidungsstückes sich nicht unbedingt mit
einer Körper-Linie zu decken. Man denke
nur an den Rand des Chiton-Kolpos oder
der Diplois in der Antike, beide absolut von
keiner natürlichen Demarkation bedingt, oder
an den gerollten Mantel einer Diana, der, quer
oder schräg über den Rücken gelegt, natür-
liche Formen durchschneidet. Man ist keinen
Augenblick im Zweifel darüber, dass dies
blos Formen der Oberfläche sind, aus Zweck-
mässigkeits-Gründen dem Körper aufgelegt
und nicht von diesem bedingt. So kann ich
auch nicht finden, dass der Schnitt des
modernen offenen Jackets durchaus zu ver-
werfen sei, wenn auch seine Kanten die
weibliche Brust-Form jäh durchkreuzen. Zu
bezweifeln, dass diese Linien Oberfläche-

Linien seien, kommt wohl keinem in den
Sinn, und darüber, wie viel oder wie wenig
von der etwa darunter verborgenen Schön-
heit zur Schau getragen werden soll, —
darüber kann keine allgemeine Regel, sondern
einzig und allein der Geschmack des Ein-
zelnen entscheiden. Auch hierin liegt Stil,
und zwar der sehr individuelle Stil der
Persönlichkeit. Es kommen dabei freilich
noch andere Gesichtspunkte in Betracht als
rein ästhetische. Sitte, Anschauung, Erziehung,
Bildungsgrad und ethische Feinfühligkeit
sprechen im einzelnen Fall mit. Diese
Momente sind aber auch wesentlich zur Ent-
wickelung eines Stiles, dessen Aufgabe es
stets ist, die jeweilige Kulturstufe einer
Gruppe oder einer Person in ihrer Gesamt-
heit zusammenzufassen. Komplizierter als in
der Architektur gestaltet sich ja die Frage der
Anpassung von Äusserem an Inneres in der
Kleidung durch die Bewegung. (Fortsetzung folgt.)

Franz metzner—berlin. Schlafendes Kind. Marmor.
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