Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

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Jofepb Sattler— Berlfn.

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harter 3üge mit oorfiditiger Freiheit roar
mir höchft intereffant". Es konnte nicht aus-
bleiben, baß bei folch bingebenbem Stubium
es unfer Künftler zu ähnlicher nTeifterfchaft
in ber Beherrfchung ber fjolzfchnitt=rechnik
ber Alten brachte, roie fein fanbsmann
Eenbadi auf bem Gebiete ber Öl = Malerei.
Inbes beroalirte irjn feine felbftänbige Art,
bei bloßer naebabmung fteben zu bleiben
unb in Archaismus unterzugehen. Jene
glänzenbe Epoche beutferjer Kunft rourbe
zroar für ihn Dorbilblidie JTTeifterin, aber er
roußte biefe felbftgefeßte gefährliche Schranke
zu überroinben unb, ben Stil ber Alten fort-
entroickelnb, zu einem eigenen Stil zu ge-
langen. Schon bie am auffallenbften alt-
meifterlich gezeichneten Bilber aus bem
Bauern=Kriege zeigen bie keimenbe Eigenart
Sattler's auch in biefem Punkte. „Ganz bie
flrt ber alten ITleifter!" Unb boch nicht ganz!
So zeichneten bie alten TITeifter nicht. Uor
allem fehlt bie naiDe Art ber Alten, man
fieljt fchon biefen Blättern an, baß ein
moberner TTIenfch fie gezeichnet hat.

Don manchen Sattler rooblgefinnten
Kritikern ift faft ängftlich betont roorben,
baff er „mobern" fei trot? feiner altmeifter-
liehen Art. ITIuß benn ein Künftler mobern
fein! Muß er nicht Dielmehr fein, roas er ift?
IDas ift benn befonberes an ben fjunberten
moberner 3eidjner, bie alle mobern zeichnen.
JTToberne Manier ift nicht febroer zu erlernen.
Manier bleibt Manier, ob nun mobern ober
alt; es fragt fidi nur, ob in ihr inbiuibuelles
Empfinben unb Eeben fteckt. Unb baDon
müßte man Sattler, auch roenn er nod) alt-
meisterlicher roäre, ein jenen angeblichen
Mangel roeit uerbeckenbes Maß zuerkennen.

Rubolf Seiß fagte einmal oon 3eichnungen
Sattler's: „Das finb echte Sattler!" Don
roieDiel „mobernen" 3eid]nern könnte man
ähnliches behaupten, feuten, bie Sattler
einfad] mit bem Urteil ber Aachahmerei ab-
thun zu können glauben, ift ohnehin nicht
beizukommen. - Es roar noch etroas mehr,
roas ihn zu ben alten Uleiftern zog. 3roifdien
ihnen unb ihm beftetit eine Art TDal)I-
Derroanbtfdiaft; roas er keimroeife in fich
trug, fanb er bei jenen in robufter Aus-
prägung. Der große Seift jener großen 3eit
roeht auch aus ben geringeren feiftungen,
unb biefe knorrige knitterige öröße mußte
unferen Künftler anfpredien. Ihre kernhafte
berbe Wahrhaftigkeit, ihre HebeDolle rjin-

J. Sattler. Bücrjer=3elcljen 6.Lrl. Süß.
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