Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 12.1903

Page: 454
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1903/0165
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
454

Vom Kinder-Zimmer.

Joseph Sattler—Berlin. -»Beim Thorschreiber«.,

© Vom Kinder-Zimmer. ©

DAS KINDER-ZIMMER, war das
Thema, dessen Behandlung die von
Alexander Koch herausgegebene »Innen-
Dekoration«. in ihrem zum 10. April aus-
geschriebenen Wettbewerbe verlangte. Es
ist ein Lieblings - Gebiet moderner ange-
wandter Kunst, das hier zu bearbeiten war,
ein Gebiet, das zwar schon von vielen, da-
runter von unseren bedeutendsten modernen
Meistern eifrig gepflegt wurde, und das
dennoch immer noch keine nach allen Seiten
hin voll befriedigende Lösung gefunden hat
Deshalb kam dieser Wettbewerb der »Innen-
Dekoration« zur rechten Zeit, um das Streben
nach einem aus modernem Empfinden er-
wachsenen , künstlerischen Kinder - Zimmer
zu fördern; denn dass gleich eine in allen
Teilen erschöpfende Lösung erfolgen könne,
das war nicht zu erwarten. In der That
hat dieser Wettbewerb in seinen besten
Ergebnissen, welche in einem der nächsten
Hefte der »Innen-Dekoration«, zur Vor-
führung gelangen, ausgezeichnete Ideen und
wirkliche Fortschritte gezeitigt. Schöpfungen,

wie die preisgekrönten Serien von Franz
Safonith —Wien, Karl Heckenberger —
Stuttgart, Richard Müller—Wien müssen
wahres Entzücken erregen und auch einige
der lobend erwähnten, wie z. B. der von
Otto Müller — St. Petersburg, ein für die
Kinder eingerichtetes Giebel-Stübchen dar-
stellend, können nur Gutes wirken und auf
den Dank aller Mütter rechnen. Und wie
hätte es auch anders sein können bei der
offensichtlichen und hoch erfreulichen Vor-
liebe, welche unsere Künstler, nicht nur die
bildenden, dem Kinde, seiner seelischen
und körperlichen Entwickelung, seiner Um-
gebung und Thätigkeit entgegenbringen.
Was ist hier nicht alles geleistet worden,
von den Erfolgen, welche unter der Parole
■»Die Kunst im Leben des Kindes« in
Deutschland durch Wander-Ausstellungen
und Publikationen errungen wurden, von
den Verhandlungen des in seiner Art
epochemachenden Dresdener Kunst-Er-
ziehungs-Tages bis zu den entzückenden
Kinder-Büchern der holländischen Dichterin
Nelly Bodenheim, die für wenige Groschen
die lauterste Poesie und die feinste Zeichnung
in die Kinder-Stube tragen. Man nehme
eines ihrer kleinen Bücher, die bei S. L.
van Looy—Amsterdam erschienen sind, zur
Hand, z. B. »Handje-Plak« oder »Het regent-
Het zegent« oder »Raadsels« (Rätsel), um
überrascht zu sein von der Fülle fesselnder
Schönheit, die hier aus den allereinfachsten,
dem noch nicht schulpflichtigen Kinde un-
mittelbar verständlichen Formen zu uns
spricht und den Formen-Sinn des Kindes
beeinflusst. Darauf beruht es, dass diese
wundervollen Kinder-Bücher der holländischen
Künstlerin auch für die Kinder aller anderen
europäischen Völker eine Quelle der Freude
darstellen, zumal für die des niederdeutschen
Sprach - Gebietes, die auch den Inhalt der
köstlichen Reime verstehen. Dann denke
man an Kate Greenaway (vgl. van de Velde's
Nachruf S. 47 der französischen Ausgabe der
»Innen-Dekoration«, im Februar-Hefte 1902),
an die reizenden Spiel-Sachen, welche die
Dresdener Werkstätten für Handwerks-Kunst
nach Entwürfen hervorragender deutscher
Künstler geschaffen haben (vgl. Abbildungen
loading ...