Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Der Einkauf als kulturelle Funktion.

gezogen haben will, ist schamlos. Daß gegen-
über solch unvernünftigem Gebaren alle theore-
tischen und praktischen Bemühungen den
Fabrikationsstand zu heben, zwecklos sein
müssen, leuchtet ein.

* * *

Das Publikum sollte lernen, daß »ein-
kaufen« mehr ist, als die Zufriedenstellung
persönlicher Wünsche. Daß es sich dabei
um eine soziale Betätigung, um eine
kulturelle Funktion handelt. Das Niveau
der Fabrikation und des Handels wird durch
den Einkauf reguliert. Darin haben die Ver-
käufer recht, wenn das Publikum durchaus
Schund begehrt, muß es ihn bekommen. —
Wer einkauft, trägt etwas dazu bei, den öko-
nomischen Gesamtcharakter zu modellieren.
Jeder Einkauf ist ein Faktor im Wirtschafts-

i'ROFESSOR RICHARD_R1EMERSCHMID.

prozeß, ist eine Stimme, die den Gewerken
die Marschrichtung weist. Durch die Art,
wie er einkauft, kann der Bürger mehr
zur Gestaltung des Vaterlandes bei-
tragen, als durch seine Aufregung
während der Wahlkampagne. Das sollte
begriffen werden. Das kann erst begriffen
werden, wenn der Deutsche ein politischer
Mensch geworden ist. Das heißt: wenn er
nicht nur von Zeit zu Zeit einmal in Politik
dilletiert, sondern jeden Augenblick seiner
politischen Pflicht eingedenk ist, jede Hand-
lung politisch wertet. Dazu sollte der Einkauf
in erster Linie gehören. Durch ihn wird nicht
nur die Warenzufuhr bedingt; er hat maß-
gebenden Einfluß auf die Gesinnung der Fa-
brikanten und Verkäufer, wie er ein Ausdruck
der Gesinnung der Kaufenden ist. Einkaufen

Schlaf-Zimmer.

Ausführung: Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst—Dresden.

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