Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Campbell & Pullich—Berlin.

als Engländer gelten, es liegt ihnen fern, die
unleugbare Hinneigung eines zahlreichen
Publikums zu englischem Wesen und eng-
lischer Kunst für sich geschäftlich auszunützen.
In einer Reihe mit unsern führenden deutschen
Kunstgewerben wollen sie tätig sein, um —
ganz abgesehen von aller Nationalität — einer
modernen Kultur würdige Menschenwohnungen
zu schaffen. Das Streben nach diesem Ideal
ist gegenwärtig nirgends so stark und so auf-
richtig, wie in Deutschland. Hier finden sich
also ganz naturgemäß die gleichstrebenden
Geister zusammen.

Ich glaube, wir dürfen uns rückhaltlos
darüber freuen. Eifersucht, Chauvinismus wäre
in der Kunst am allerwenigsten angebracht.
Campbell bringt eine eigene Note in unser
kunstgewerbliches Schaffen; seine Arbeiten
sind wieder vollständig verschieden von den
in ihrer Art jetzt sattsam bekannten kunst-
gewerblichen Größen. Und sie haben Werte,

die bei uns noch recht selten anzutreffen
sind. Solch ernsthafte Mitstreiter können wir
doch nur willkommen heißen.

Campbells Eigenart ist nicht schlechtweg
englisch zu nennen, obwohl sie viel englisches
Blut enthält. Aus dem nationalen Stil ent-
wickelt sich bei ihm ein individueller. In
Englands Kunst überwiegen ja die Rasse und
die Allgemeinkultur fast immer die Persön-
lichkeit. Die Ashbee, Baillie Scott, Voysey,
so hervorragende Künstler sie sein mögen,
der Engländer spricht vor allem aus ihnen.
Aber bei Campbell zeigen sich noch ver-
schiedene Stilelemente, die durchaus nicht
aus England stammen. In seiner höchst
komplizierten, aber einheitlichen Kunst schürft
die tiefergehende Analyse neben den eng-
lischen auch unverkennbar deutsche Bestand-
teile zutage; in die moderne Richtung ergießen
sich aber auch manche Erinnerungen an altes
und ältestes Kunstgut, doch alles dieses wird

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