Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 62.1928

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Die Berliner Secession im nene>i Hause

WOLF RÖHRICHT—BERLIN

Zwischenzeit bedeutende Fortschritte gemacht,
einen prächtigen liegenden Akt und Landschaften
von gesunder Eindringlichkeit geschickt hat —
eine davon erhielt einen Preis. Denn die Rührig-
keit der Secessionsleute hat es fertiggebracht,
nicht nur den Staat, sondern auch einige (vor-
läufig nur einige) kunstfreundliche Wirtschafts-
führer zur Stiftung von Preisen zu bestimmen.
Das Vorbild des Deutschen Künstlerbundes in
Hannover hat Schule gemacht. Es schwebt so-
gar der Gedanke vor, mit diesen Preisen Bilder
und Skulpturen anzukaufen, aus denen später
einmal eine Secessions-Galerie, nun wieder etwa
nach dem Münchener Muster, entstehen könnte.
Allerdings ist dieser Plan noch nicht geklärt.
Was man diesmal krönte und kaufte, bedeutet
teils Ermunterung, teils Unterstützung, und nur
zum Teil Rücksicht auf eine spätere museums-
artige Sammlung. Hier muß man sich unzwei-
deutig entscheiden, wo man hinaus will.

Etwas Historisches von Interesse grüßt uns
in einem Bilde Ernst Opplers mit dem harmlosen
Titel „Beratung im Atelier". Es sind — die
Verschwörer von 1913 —, die den Abfall von
der Liebermann-Cassirer-Regierung ins Rollen
brachten. Das Bild ist damals entstanden, doch
es kam bisher nie an die Öffentlichkeit. Heute

»LANDSCHAFT MIT HAUSc

fühlt man die ältere Manier der Anlage, doch
man freut sich, wie frei und leicht die Gruppe
in ihren dunkel-weichen Tönen beherrscht ist.
Man erkennt Struck, Pottner, den inzwischen
verstorbenen Bischof-Culm, Max Neumann und
Herstein. Der Maler Oppler selbst ist noch
hinzuzurechnen. Das waren die Köpfe, die
dann Corinth für sich gewannen, womit der
Bruch vollzogen war.

Nun ja, anrückende Jugend kommt nur be-
schränkt zu Worte — hier liegen Zukunftsauf-
gaben, die nicht vernachlässigt werden dürfen.
Experimentiert, um neue Ausdrucksformen ge-
grübelt, gerungen wird hier nicht. Aber man
ist ehrlich bemüht, die alten Formen weiter zu
entwickeln, zu höherer Reife zu treiben, die
neue Hinwendung zu Natur und Wirklichkeit
nicht zu mißachten, doch auch nicht in die Öde
zu verfallen, die dabei eine Zeit lang drohte.
So fühlt man in den Grenzen, die einmal ge-
steckt sind, Buntheit der Individualitäten, Lust
der Arbeit. Mehr kann man heute nicht ver-
langen. Und wir wollen froh sein, wenn man
diese Eigenschaften allenthalben so solide und
anständig, so ohne Faxerei und Effekthascherei
vorfindet wie in der Eröffnungsausstellung des
neuen Berliner Secessionshauses...... m. o.
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