Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Der Rathskeller

Marienheim ist ein Städtchen, das wohl nur Wenige
vder gar Keine von denen kennen werden, die diese Blätter
zu Gesicht bekommen. Fern von allem Verkehr liegt cö ein-
sam und still da, zwischen hohen, schlanken Birken und Eichen
und noch höheren Bergen.

Jetzt sind die Straßen öde und leer, selten geht ein
Mensch darüber, nur um die Mittagszeit da ist es etwas
lebhafter.

Einstmals hat Marienheim andere Tage gesehen, aber
das ist schon lange, lange her. Da wohnten m. den braunen,
gicbeligen Häusern reiche Kaufherren, zu den spitzen, schmalen
Fenstern schauten schöne Mädchen und Frauen heraus mit gol-
denen Ketten und gestickten Hauben, auf den Straßen schlcn-
derten und spazierten allerlei Gesellen mit bunten Klei-
dern, langen Degen, nickenden Federn auf den Sammt-
bareten und in seidenen Mänteln. Und der Rathskeller war
alltäglich von Morgens bis tief in die Nacht hinein nicht
leer von Gästen.

Ich hatte, ein wandernder Zugvogel, der'gern vom
Hevrwcg abschweift, vor einigen Stunden meinen Einzug in
Marienheim gehalten, das einzige Gasthaus bald gefunden,
und nachdem ich in dem verräucherten Zimmer, das mir an-
gewiesen worden, meine wenigen Sachen untergebracht, war
ich durch das Städtchen gegangen und wunderbarer Weise
suhlte ich mich in hohem Maße davon angezogen. Ueberall
enge Gassen, hohe Häuser mit kleinen Thürinen, alte
Brunnen mit Steinriescn und auf dem Marktplatz das bau-
fällige, vielfach verschnörkelte Rathhaus.

Es dunkelte schon stark; ich schritt die steilen, bemoosten
Steinstufen hinunter in den Rathskeller.

Nur ein einziger Gast war darin. Ein kleiner, dünner

von Marienheim.

Mann — hinter einem kleinen, flackernden Lichtstümpchen saß
er und starrte tiefsinnig in sein Glas. Ich schritt auf ihn
zu. Meine Fußtritte hallten dröhnend in den Gewölben
wieder. Der Mann fuhr jählings bei diesen Tönen zusammen
und blickte scheu nach mir hin. Meine Gestalt mußte sich
in der mangelhaften Beleuchtung, in dem dunklen, riesenhaften
Schatten seltsam ausnehmen, denn der Mann, obgleich ich ;
jetzt dicht vor ihm stand, blickte noch immer zweifelnd in )
mein Gesicht. Vielleicht hielt er mich für ein Gespenst.

„Guten Abend!" sagte ich.

„Guten Abend!" stöhnte er und that einen langen i
Schluck, wie zu seiner Stärkung.

Ein verrenkter, grauer Kerl trollte auö dem hintersten
Winkel herbei und fragte nach meinen Befehlen.

Bald saß ich dem dünnen Manne gegenüber, ein volles !
Glas vor mir. Wir betrachteten uns gegenseitig.

Er schien etwas auf dem Herzen zu haben, was ihn
beängstigte, was ihn vor allem Andern in Anspruch nahm
— es schien immer mehr über Hand zu nehmen. Endlich j
sagte er, mir noch einmal prüfend ins Gesicht sehend:

„Sie werden sich wundern, mein Herr, daß ich hier der
einzige Gast bin. Aber es geht eben Niemand von den Be- !
wohnern Maricnhcims in den Rathskeller. Sie scheuen sich
vor diesen Gewölben und es hat auch eine eigene Bcwandt-
niß mit ihnen."

„Wie so?" fragte ich.

Er sah mich an und lächelte traurig, als wollte er
sagen: Was verstellst Du Dich so, aber ich will mich iw
Deine Launen fügen. „Erinnern Sie sich nur," fuhr er
dann fort, „es mögen jetzt wohl 30 Jährlein her sein, als
noch das Kreisgericht hier seinen Sitz hatte, da saßen eines j

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