Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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und Aeltun<tSerpeditlonen angenommen._z.-Z■'

Geschichten aus der Ukränc.

Der Schnurrbart.

(Schluß.)

„Das soll ich Ihnen noch sagen?!" rief bcr Präsident.
rr®ic konnten Sic solchen Ilnsinn in das Visitenbuch schrei-
ben, von Mchlklöscn und Pfanncnkuchen, oder eine Beschwerde
unbringen, gerade wie in einem Beschwerdebuch aus der Post-
station, während Sie doch nur Ihre Namen zu verzeichnen
hatten? Das ist geradezu ein Attentat auf die Behörde!".

„Unsere Vor- und Familiennamen," begann Pischtschi-
Mucha wieder (denn er war nie mundfaul) „stnd Euer Ercel-
lmz bereits mit den Wahlprotokollcn zugestcllt worden; wir
konnten daher unmöglich glauben, daß Euer Erccllcnz daran
gelegen sei, daß wir sic nochmals aufschrciben. Vielmehr
waren wir der Meinung, daß Euer Erccllcnz die Absicht hege,
von unserer Handschrift und unserem Stdlc Einsicht zu erlan-
gen. Dem Rechnung tragend hat Jeder von uns nach Maß-
gabe seiner rcspcctiven Kräfte cs versucht, seine Gefühle und
Gedanken auszudrücken, und waren wir durchaus nicht ge-
wärtig, daß Ew. Erccllcnz ..."

„Genug, genug!" unterbrach ihn der Präsident. „Sie
sind ja mix ein Perpendikel an der Uhr, den man nur an-
Zustoßen braucht, damit er ohne Aufhörcn hin und hergeht.
Jetzt, meine Herren," wandte er sich an alle Anwesenden,
»gehen Sie gefälligst nach Hause. Für daS erste Mal will
ich es Ihnen hingehen laffcn, aber seien Sic nächstens vor-
sichtiger, denn ich spaße nicht gern. Und Sie , mein ver-
ehrter Herr" fügte er mit einem drohenden Blicke auf mich
hinzu — „daß Sic sich alöbald den Bart abnehmen lasten!
Verstehen Sie?"

„Freilich verstehe ich," antwortete ich, „daS kann jeder
sssel verstehen."

Auf diese Bemerkung wollte Seine Ercellenz noch etwas

erwidern, aber er unterdrückte die Worte durch ein Räuspern
und entfernte sich schnell in sein Cabinct, besten Thür er mit
Geräusch zuschlug. Er hatte offenbar auch keine Lust mehr,
Strafpredigten zu halten, sich zu ärgern und zu ereifern.

Wir schickten uns zum Weggehen an, das prächtige
Frühstück im Herzen verfluchend, als sich mir der Sekretär
Thomas Petrowitsch näherte und mit spöttischem Munde
sagte: „Aber wie konnten Sic im Civildienst einen Schnurr-
bart tragen?"

„O schweigen Sie lieber!" antwortete ich ärgerlich. „Eö
ist eine Sünde, aus einer Kleinigkeit so viel her zu machen.
Meiner Meinung nach thut nicht nur ein bloßer Schnurr-
bart, sondern sogar ein ganzer Bart dem Dienste keinen
Schaden. Im Uebrigen — empfehle ich mich Ihnen!"

Ich war wahrhaftig nicht dazu aufgelegt, mich noch mit
diesem Herrn herum zu streiten, mir war"S — Ihr könnt
mir'S glauben — ohnehin sehr schwer um'S Herz. Mein
ganzes Leben laug hatte mich noch kein Mensch angcschriecn,
hatte ich mich noch mit Niemanden gezankt, selbst mit meiner
Frau nicht, und hier mußte ich eine» solchen Auftritt erleben!

Ich kehrte in mein Logis zurück, verschaffte mir ein
Schcermcstcr, seifte mich ein, fuhr unter meine Nase hin und
her und der Schnurrbart siel wie gemähtes GraS auf die
Serviette herab.

Ich werfe dann einen Blick in den Spiegel — Herrgott
im Himmel! Welch' tödtlicher Schreck! Ich erkannte mich
selbst nicht wieder, Gott weiß, wem ich ähnlich sah: der
Mund schief, die Nase überhängend, die Backen eingefallen...
Nein, o nein, das bin i ch nicht, das ist der leibhaftige Adam
Jwanowisch Frick, der Wvllsortirer aus Krcmentschug, der

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