Geiges, Fritz
Der mittelalterliche Fensterschmuck des Freiburger Münsters: seine Geschichte, die Ursachen seines Zerfalles und die Maßnahmen zu seiner Wiederherstellung ; zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Baues selbst (Band 2) — Freiburg i. Br., 1933

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5. Die 2lusftctttung 6er €angbal]ncn bes Sogenannten Bd}ne\bcv $en\tevs

3n ber Reihe gewichtiger 3nbi3ien, auf meldte fid) bie Am
nähme ftütjt, bem figuralen Sdmiud oerfdjiebener Sei-
tenfdnffenfter müffe mobl eine einfachere Derglafung r>oraus;
gegangen fein, ift bie nicht geringe 3eitfpanne, meldje öie (Ent-
ftefmng ber für bas ITTafetoert bes Sdmeiberfenfters gefertigt
ten Ausftattung oon berjenigen feiner £angbai?nen fcheibet,
ber offenjidjtlidjfte Bemeis.

£eiber ift oon bem Bejtanb ber legieren bie gan3e untere
gelberreihe infolge Anlage ber fog. (BrafemKapelle cerloren
gegangen, bie bureb Umbau bes 3toifd}en ben Strebepfeilern
bes betreffenben 3od?es 1555 oon Rteifter 3örg Kempf er-
richteten (DIbergs 1829 3ur Aufnahme ber ©ebeine bes IUarf-
grafen (Dtto unb ber ITtarfgräfin Agnes, ©emafylin £)eim
ridjs III. oon Höchberg, foroie bes ©rafen (Egon r>on Urach,
bes Stammoaters ber (5rafen oon $reiburg, gefdmffen mürbe,
bie in ber 3U gleicher 3^it abgebrochenen (Eifter3ienfer;Abtei-
ftrdje 3U Sennenbad] beigefe^t maren. 3ur Ausfüllung bes
formalen Streifens, ben biefer Rnban von ben Unterfeibern
nod? übrig liefe, fermf man bann eine fümmerlidje SodeI-
architeftur, in ber fid? bie ^ilflofigfeit, mit ber bie bamaligen
Reftauratoren felbft ben einfachsten Aufgaben gegenüber^
ftunben, gleich braftifch offenbart mie bie (Senügfamfeit ihrer
Auftraggeber unb beren als befonbers funfberftänbig geprie-
fenen Berater.

(Eine Befriebigung bes berechtigten Derlangens, bas frag-
los and} hier in allen brei Unterfeibern eingeorbnet gemefene,
gleich bemjenigen im Rtafemerf in Rot eine roeifee Sdmeiber^
fcf)ere 3eigenbe Stifterwappen nicht ausfallen 3U laffen, mar
nur burdj Derfetjung besfelben in bas 3tr>eite $elb ber RTittel-
barm 3U ermöglichen, wo es fid? übrigens nicht gerabe ftörenb
geltenb macht unb barum bem Unfunbigen faum als (Eingriff
in ben Kompofitionsgebanfen bemufet mirb.

Die Ausflidungen ber im fonftigen Beftanb aufgetretenen
Stäben erfolgten in ber fattfam befannten IDeife.

©egenftänblich bebarf bie Ausftattung ber brei £ang-
bahnen ieiner befonbern (Erklärung.

(Etwas erhöht erhebt fid? r)inter bem Stifterwappen, bem
in ein langes, auf ber Bruft mit roter Borte befet$tes gelbes
Kleib gehüllten lodigen 3^fusf naben einen Apfel reicfjenb,
Tftaria als Rimmels!önigin. Auf bem mit langer meiner
Riefe bebedten f)aupt bie Krone, trägt fie über bem gegür-
teten grünen (Bemanb ben hochge3ogenen, licht niolett ausge-
fd]lagenen roten Rtantel.

Die in ben Seitenbahnen beigefellten beiben weiblichen
^eiligen geben fid? burd? tr)re trabitionellen Attribute eim
beutig als Rtaria ITIagbalena unb Katharina oon Ale-
janbrien 3U erfennen. TKaria RTagbalena trägt über bem
gegürteten roten ©emanb einen oiolett ausgefchlagenen grm
nen RTantel, auf bem mit ber Riefe bebedten J?aupt aus-
nahmsmeife eine Krone. Als Hinweis auf bie Salbung ber
$üfee bes Jjerrn beim (Baftmar/l bes Pharifäers Simeon 3eigt
fie auf bie mit ber £infen emporgehaltene, bei ihren Dar-
ftellungen nie fehlenbe Salbenbüchfe. 3n le^terer glaubte

Rlarmon mohl einen üurm 3U feb/en, mas ihn allein ba3u
oerführen tonnte, bie $igur als hl. B arb ara 3U beuten. (Eim
31g aus ber burd? ben fuggeftioen (Einfluß einer aus biefer
Quelle gefdjöpften oorgefafeten IKeinung läfet \id} ieöod? t>er-
flehen, bafe fid] $. Bär unb £). (Dibtmann bei ihrer auf eige-
ner Befichtigung bes $enfters fufeenben Befchreibung bes-
felbert bie irrige Angabe Rtarmons 3U eigen machten.

Koftümlid} bemertensmert ift bie bnxd} Rab unb Sdjmert,
bie U)ert3euge ihres Rtartyriums, gegenzeichnete $igur ber
hl. Katharina. Auf bem ungefrönten f)aupt ben aus einer
Perlfdmur beftehenben Scbappel, bie Strähnen bes langherab-
wallenben f)aares an ihren Q:nben 3ufammengebunben, trägt
fie über bem rötlich üioletten engärmligen Untergeroanb mit
etmas meiterem fjalslod) ein rotgefüttertes gelbes Übertleib
mit meitem unb tiefem Ausfdmitt für bie Arme, bas auf ber
Bruft mit einer aus übereinanber gefegten un3ialen K gebil-
beten meinen Borte befetjt ift.

Daoon gibt 0. fjef ner = Altened auf 2afel 142 feines be^
fannten 3ehnbänbigen Srachtenmerfes alsBeifpiel einer, oon
ihm ber 3tr»eiten ^älfte bes 13. 3ahr^unoeris 3ugetoiefenen
jungfräulichen Sradjt eine allerbings nicht gerabe befonbers
originalgetreue Abbilbung. Unerwähnt läfet er febod] bei fei-
ner Befchreibung ber um etliche De3ennien 3U früh batierten
$igur einen J)inrDeis auf berenmefentlichftes dharatteriftifum,
nämlid} beren fjaartradjt, morüber eine Speirer KIeiberorb;
nung oon 1356 fagt: „Rod? [ol ond) ir beheyne ($rau) ire
3oephe ober har hinben abe laffert hangen in beheine reife,
banne ir har fol ufgebunben fin ungeoerlichen. Aber eine
jungoroeme, bie nit mannes fyat, bie mag mol ein
fchappel bragen unb ir 3oeplje unbe \)ax\nnexe laf-
fen fyanqen, bt3 ba3 fie beraten mirt unbe ein man 3e
mjmet."

RTaria fleht auf einem einfach gemufterten blauen ©runb,
ben ein Retj oon an ihren Kreu3ungen bnxd) rotuiolette Ro-
fetten unterbrochenen, bläulichmeifeenperljtreifenüberfpannt,
mährenb über ben gleich gemufterten lichtblauen ber Seiten
figuren oon roten Rofetten unterbrochene buntelblaue Bänber
gelegt \\nb. Über einem ben CEeppichgrunb ber $iguren um-
fäumenben, mit Rafen befehlen meinen Spipogen entmidelt
fidj bie umrahmenbe Balbadjinarchitettur in fcharfer Silhuet-
tierung auf bem einfach gemuteten, bie $arbroirfung bes
(Ernzen ftarf beherrfdjenben roten (Brunb. 3n ih^u J)aupt-
gliebern gelb, burdjbrechen meifee $enfter bie 3tt>ifct)ert bie
Strebemerte gelegten lichtrotoioletten RTauern, mährenb bas
ebenfo gefärbte RTafemert ber IDimperge grün gefüllt ift. (Eine
meife umfäumte lichbiolette ITTafemerfsbrüftung frönt ben oon
$enfteröffnungen öurchbrochenen blauen Rtauertörper hinter
bem EDimperg ber ITtittelbahn.

Auf bie oerbleibenbe $rage, ob bas in feinen beiben Seilen
ben gleichen Stifterausmeis 3eigenbe $enfter als eine Schern
tung ber Sdmeiber3unft ober als biefenige eines Angehörigen
berfelben an3ufprechen, barüber mirb uns feine fidjere Aus-
fünft. Als trabitionelles IDappen bes t^anbmerfs ijt basfelbe
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