Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 33,2.1840

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1840.

\». 6Q. HEIDELBERGER
JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Binder: Schiller im Verhäliniss zum Christentum.
(Be s c hlufs )
Mit geübtem Blick erkennt er ihr Wesen, entwickelt die Idee
des Schicksals und würdigt die vorzüglichsten Meister und ihre
Werke. Wir sind überhaupt mit ihm einverstanden, und erlauben
uns nur Bemerkungen über Einzelnes, das uns nicht überzeugte.
So verdient, nach unserer Meinung, A. W. Schlegel (Vorles. über
dram. Kunst) den Tadel nicht, der hier 1. Bd. S. 63. über ihn er-
geht, weil er in Aeschylus Prometheus ein Bild der Menschheit
selber sieht, die gegen die Naturkräfte ankämpft, oder vielmehr
sie zu unterwerfen und sich dienstbar zu machen strebt. Hr. B.
nimmt ihn an dieser Stelle bloss für den Titanen; allein Prome-
theus ist kein gewöhnlicher Titan, sondern der mit göttlicher Kraft
ausgerüstete Schöpfer des Menschen, zu welchem er sich mit sol-
cher Liebe hinneigt, dass die Idee von Beiden zusammenfällt. Der
Ver. fühlt dies selbst S. 65. Ebenso wenig können wir das harte
Urtheil über Euripides 1. Bd. S. 88 f. unterschreiben. Vielmehr
erkennen wir nach wie vor in den Werken dieses Dichters die
organische Fortbildung der Kunst, die, mit der attischen Staats-
verfassung und Kultur gleichen Schritt haltend, nicht auf dem
alten Standpunkt beharren konnte, wenn sie nicht aufhören wollte,
ein Widerschein ihrer Welt zu seyn. Wir vermissen hier nicht
allein Rücksicht auf das Urtheil der Zeitgenossen, das aristo-
phanischer Spott nicht entkräftet, auf Kritiker, wie Aristoteles und
Lessing, sondern sehen mit Verwunderung auch Schiller selbst
unbeachtet, der unstreitig Euripides Leistungen in günstigerem
Lichte betrachtete, da er von allen antiken Dichtern nur ihn und
Virgil der Uebertragung in die Muttersprache gewürdigt hat, ob-
wohl er, ein Nichtgrieche, den Griechen nicht auswendig wusste,
wie Ra^ne, sondern ihn wahrscheinlich blos aus Bruinoy’s und
Prevosfs unkünstlerischen Nachbildungen kannte. Wer möchte
Euripides einer laxen Moral beschuldigen, wenn er an Charaktere
wie Hercules in der Alceste, Orest und Pylades, Hippolyt, Jo-
Jabrg. XXXIII. 6. Heft. (JQ
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