Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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den ſchien endlich das Eis zu brechen, das Beide bis-
her von einander getrennt hatte. Sie blieben längere
Zeit beiſammen als ſonſt. Bodo verſprach, Jenny's
muſikaliſche Zirkel jetzt regelmäßiger zu beſuchen, Jenny
dagegen verpflichtete ſich, Paul, der eigentlich muſika-
liſch noch nicht ſo weit vorgeſchritten war, dennoch in
dieſelben als ſtetiges Mitglied aufzunehmen. Beide
empfanden, als ſie ſchieden, noch mehr Hochſchätzung
für einander, als zuvor. Der heutige Abend war der
erſte, an dem Bodo und Paul zuſammen in Jenny's
Muſikzirkel waren. Auch Aurelie von Wild wurde er-
wartet. Sie kam etwas fpät, roſig und lächelnd wie
immer ſchwebte ſie in den Sallon. Jhre zierliche Ge-
ſtalt bewegte ſich mit unnachahmlicher Grazie durch die
Räume - ihr Auge ſuchte Bodo und fand ihn bald
ſeitwärts mit Marie und einigen anderen Damen in
eifrigem Geſpräch begriffen. Sie ging ſofort auf die
Gruppe der Damen zu - man begrüßte ſie mit herz-
licher Zuvorkommenheit - nur Bodo war zwar höf-
lich aber kühl. Die Damen bemerkten das veränderte
Betragen Bodo's ſofort und warfen ſich heimliche
Blicke zu. Aurelie biß ſich ärgerlich auf die Lippen.
Vergeblich verſchwendete ſie heute die ſüßeſten Blicke
- Bodo blieb unbewegt; er vertiefte ſich immer mehr
in die Unterhaltung mit Marie und beachtete Aurelie
kaum. Mit dem Ausdruck mühſam zurückgehaltenen
Mißmuths wandte ſie ſich von Bodo endlich ab und
rauſchte in das Nebenzimmer, dort war Paul mit
Jenny. Beide waren in ein Geſpräch über Muſik ver-
tieft - bemerkten Aurelie nicht. Einen Augenblick
blieb die junge Dame zögernd auf der Schwelle ſtehen,
dann aber ſchritt ſie raſch auf Jenny zu. Paul war
ihr von dem Abend im Concerthauſe bekannt, ſeine
Erſcheinung und ſein Weſen ſchienen ihrer Beachtung
uicht unwerth. Ueberdies wollte ſie ſich an Bodo rä-
chen und entſchloß ſich, ihre ganze Aufmerkſamkeit an
dieſem Abende Paul zuzuwenden. Sogleich miſchte ſie
ſich in die Unterhaltung der Beiden, fiel mit einigen
Paradoxen Jenny in die Rede - kramte ihre muſika-
liſchen Anſichten unter denen eine abgöttiſche Verehr-
ung für die moderne Muſik mit Wagner an der Spitze
ſtand, mit großem Selbſtbewußtſein aus, ließ das
Feuer ihrer Augen gegen Paul ſpielen und ärgerte
Jenny durch unmotivirte Wderſprüche ſo lange, daß
dieſe - von Aurelien's Weſen ſtets unangenehm be-
rührt - aufſtand und ſich zu einer andern Gruppe
geſellte. Jetzt hatte Aurelie Paul allein für ſich - ſie
triumphirte. Alles, was Koketterie und Weltgewandt-
heit zu erſinnen vermochte, wurde jetzt herausgekehrt,
um den jungen Kleinſtädter zu fangen. Süßes Lächeln
- ſchmachtende Blicke - Ausdrücke naivſter Bewun-
derung, wenn er ſang oder ſpielte, die verſchämt ver-
ſtummten, wenn er näher trat, um dann der größeren
Bewnnderung Platz zn machen, die aus dem Feuer der
Augen ihm entgegenſtrahlte - alle dieſe Künſte der
weiblichen Koketterie wurden gegen ihn in's Feld ge-
ſchickt. -

edlen Gefühlen finden könne, ſondern allein im kräf-
tigen, edlen Handeln, im Arbeiten an ſich ſelbſt in dem
hohen Sinne der chriſtlichen Religion. Wohl erhoben
ſich auch in ihr all die Gefühle und Wünſche des Wei-
bes - und zwar in großer Kraft und Tiefe - aber
ſie hatte mit zu klarem Blicke in die Welt um ſich ge-
ſchaut, ſie wußte, wie ſchwer es war, unter dieſer flu-
thenden, im Genuß ſchwelgenden, nach Genuß ſtreben-
den, egoiſtiſch kalten Geſellſchaft ein Herz zu finden,
das ihr das geben konnte, was ſie zu ihrer Befriedi-
gung nach dieſer Richtung hin für nothwendig hielt.
- Sie zog daher vor, den Schatz ihres Jnnern von
der Berührung mit der Welt zu verſchließen und be-
gnügte ſich damit, die ihr innewohnende Kraft der Liebe
in dem allgemeinen Wohlwollen gegen die Menſchheit
und beſonders gegen die, die ihr nahe geſtanden, aus-
zuſtrömen. Wo ſie in dem Kreiſe der jungen Leute,
die ſie im Conſervatorium umgaben, ſolche fand, deren
Talent, deren Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens
ihr Jnterreſſe erregten, ließ ſie es ſich angelegen ſein,
ſie in Allem, was ihnen Noth war, ſo zu fördern, wie
ſie es irgend konnte. Sie kannte recht gut den Krebs-
ſchaden, der ſo oft die ſchönſten Talente und Anlagen
ſchon in der Blüthe vernichtet - die Eitelkeit und
Genußſucht. Deshalb hielt ſie ihnen ſtehts ſchützend
das Jdeal entgegen und ſuchte ſie ſo vor dem Verſin-
ken, beſonders aber vor der Selbſtbewunderung zu be-
wahren, die dem mächtig zur Einfalt drängenden Genie
am verderblichſten werden kann.
Paul hatte vom erſten Augenblick an zu denen ge-
hört, die ihr ein warmes Jntereſſe eingeflößt. Sein
unverdorbenes Weſen, die Reinheit, die aus ſeinen Au-
gen leuchtete, hatten ihr gefallen, ſeine ungewöhnlichen
Gaben hatte ſie bald erkannt, die Dürftigkeit der Ver-
haltniſſe Paul's, ihr Vater hatte ſie von Allem unter-
richtet, das Alles bewog ſie, ihm eine beſondere Auf-
merkſamkeit zu ſchenken. Sie hatte Bodo's Annäherung
an den jungen Mann nicht ungern, aber doch auch
nicht ganz ohne Sorge bemerkt. So ſehr ſie auch von
Bodo's reinem Charakter überzeugt war, ſo lag doch
in den verſchiedenen Verhältniſſen, in dem Glanz und
Stellung Bodo's, in ſeinem ganzen äußeren ſelbſtbe-
wußten Auftreten, in der Verachtung und Gleichgültig-
keit gegen die Welt und ihr Urtheil, die er offen zur
Schau trug, etwas, was auf Paul in ſeiner Lebens-
ſtellung nicht von gutem Einfluß ſein konnte. - Aber
was vermag man gegen den Zug des Herzens? Der
Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme! Bodo
und Paul hatten beim erſten Begegnen ſofort Sympa-
thien für einander empfunden. Jenny vermochte nichts
dagegen zu thun, ſie konnte nur ein aufmerkſames
Auge und vielleicht, wenn es nöthig war eine war-
nende Stimme haben.
Zum erſten Male näherte ſich Jenny ihrem Vetter
vertrauensvoll, um mit ihm über Paul zu ſprechen.
Bodo war voller Wärme für den jungen Mann und
erklärte, daß er ſeit langer Zeit nicht eine ſolche Zu-
neigung empfunden, wie Paul ſie ihm eingeflößt. Die
Freundſchaft, die Bodo und Jenny für Paul empfan-

(Fortſetzung folgt.)
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