Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Feilelerge gltebüett

r. 97.

Mittwoch, den 3. Dezember 1873.

6. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 2 kr. Einzelne Nummer a 2 kr. Man abonnirt in der Druckeret, Schifſgaſſe4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Z u ſp ät!

Novelle von Clariſſa Lohde.
(Fortſetzung.)

zu und zündete die Lampe an. Mit gerötheten Wan-
gen ſchritt ſie zu ihrer kleinen Kommode, öffnete die
Schublade und nahm ein Packet Briefe heraus, die
niedlich mit einem Roſa-Bändchen zuſammen gebunden
waren. Es waren die Briefe Paul's, die ſie in der
Zeit ihres Brautſtandes von ihm erhalten, es fehlte
keiner, auch das kleinſte Zettelchen von ſeiner Hand
hatte ſie ſorgſam aufgehoben. - Wie oft hatte ſie
dieſe Briefe ſchon geleſen, wie oft mit dem Gefühl
ſeeligen Glückes ſich in dieſelben verfenkt. Heute las
ſie mit vor Weinen gerötheten Augen und glühenden
Wangen, ihre Hände zitterten, ihr Herz pochte ſchmerz-
lich, je weiter ſie in ihrer Lektüre kam. Ach, ſie konnte
es ſich ja nicht mehr verhehlen: ſeine Briefe waren
allmählich immer kälter, immer kürzer geworden. Der
letzte war kaum mehr als ein flüchtiger Weihnachtsgruß
zu nennen. Zwar waren reiche Weihnachtsgaben mit-
gekommen, aber ſie hatte keine Freude an ihnen gehabt
- ein herzlich warmes Wort wäre ihr viel, viel lie-
ber geweſen; aber dieſe kalten Wünſche in altherge-
brachter Form, wie im Sturm der Geſchäfte, ihr häus-
liches Leid nur oberflächlich berührend, ohne wahres
Empfinden, ohne viele Gedanken hingeworfen, hatten
ſie peinlich, ja ſchmerzvoll bis in's tiefſte Herz berührt.
- Sie las den Brief wieder und immer wieder, und
immer hoffte ſie noch einen warmen Klang, den ihr die
augenblickliche Empfindlichkeit des Herzes verborgen
haben könnte, zu entdecken - aber vergeblich! Trau-
rig neigte ſie das Haupt, ihre Hände falteten ſich:
"Herr! gieb mir Kraft!" betete ſie, "das Unabänder-
liche zu ertragen." -
Mit bleichem Antlitz nahmen am andern Tage Ro-
bert und Käthchen von einander Abſchied:
"Wenn Du eines Freundes bedarfſt, Käthchen, dann
rechne auf mich!" -
Das waren Robert's Abſchiedsworte.
Frau Agnes blickte Käthchen, als Robert ſie verlaſ-
ſen, fragend an; erſt jetzt fiel ihr das veränderte
Ausſehen der Tochter auf. Jn ihrer Sorge um den
Gatten hatte ſie auf Käthchen weniger geachtet als
ſonſt.

"So haſt Du ihm von des Papa's Krankheit nichts
geſchrieben?"
Käthchen ſah traurig vor ſich hin. -
"Doch - aber er glaubt nicht, daß es gar ſo
ſchlimm iſt, er denkt, ich erſchwere mir nur das Leben
durch trübe Ahnungen, es werde ja wieder beſſer
werden!" -
"So ſchilt er wohl gar Deine Sorge um den
Vater?"
"Nein, nein, er meint es gewiß nur gut - er will
mich aufheitern, aufrichten - Du weißt ja, Robert,
er kann überhaupt trübe Stimmungen nicht leiden." -
"Doch dies iſt keine Stimmung, Käthchen, dies iſt
Leid, wahrhaft tiefes Leid, das Dich betroffen hat, da
müßte ſein Herz bei dem Deinen weilen, Dein Leid
müßte ſein Leid werden, das iſt rechte, wahre Liebe!"
Käthchen ſtand raſch auf, die Arbeit in ihrer Hand
zitterte ſo, daß es Robert auffallen mußte - ſie ging
an ihre Kommode und machte ſich dort etwas zu thun.
Robert folgte ihr:
"Käthchen blickte ſich um, ſie ſuchte zu lächeln,
während die Thränen unaufhaltſam über ihre Wangen
rieſelten.
"Käthchen!" Robert's Stimme bebte - er faßte
ihre Hand und drückte ſie heftig - "wenn Paul Dich
jemals verrathen ſollte, ich könnte es ihm nimmer ver-
zeihen!"
Käthchen's Augen öffneten ſich groß und ſchreck-
haft:

"Er wird es, er darf es nicht!"
"Doch, wenn er es thäte -"
"Robert!" - ſie ſtockte - der Athem ſchien ihr
zu vergehen. -
"Dann, dann - ſtürbe in mir die Liebe für ihn
auf immer - ich würde ihn - - verachten!" - -
Sie preßte das letzte Wort krampfhaft hervor, ihre
Kraft war dahin, ſtürmiſch riß ſie ſich von Robert los
und eilte in ihr Zimmer. Dort ſank ſie ermattet auf
ihr niedriges Bett, ihr Schluchzen in den Kiſſen er-
ſtickend. Als der erſte Sturm des Schmerzes vorüber
war, erhob ſie ſich, riegelle die Thür ihrer Kammer

"Du ſiehſt blaß aus", ſagte ſie beſorgt und nahm
zärtlich ihr Kind in die Arme. - "Was iſt Dir, ſprich!
Faſt hätte ich um den ſterbenden Gatten mein einziges
geliebtes Kind vergeſſen. Du haſt Kummer und ſagſt
mir nichts davon?
Käthchen ſchüttelte den Kopf
"Laß mich jetzt noch ſchweigen", ſagte ſie ernſt,
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