Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Feilelberhe pltebitt

Nr. 99.

Mittwoch, den 10. Dezember 1873.

6. Jehrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckere, Schtfgaſſe4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Zu ſpät!

Novelle von Clariſſa Lohde.

(Fortſetzung)

Briefe ſtand wie von Thränen verlöſcht der Name:
"Mariele."
Jch wollte meinen Augen kaum trauen - aber ich
konnte mich nicht täuſchen, es war unläugbar ihre
Hand. Jch fragte den Buben aus; er erzählte mir,
die Frau wohne ſeit einem Jahre in dem Dorfe und
erhalte ſich und ihr Töchterchen durch Anfertigung
der Hüte und Hauben für die alten Bauerfrauen -
aber jetzt ſei ſie ſehr krank und könne nichts mehr ver-
dienen."
Frau Agnes Augen füllten ſich mit Thränen, ihr
Blick hing ängſtlich an den Lippen ihres Mannes. Er
ſah ſie mitleidig an.
"Jch will Dir nicht Schmerz bereiten, Agnes", ſagte
er weich - "laß uns raſch über dieſes traurige Wie-
derſehen hinweggehen. - Was nun geſchah, weißt Du.
- Jch nahm Deine Mutter mit Dir, ihrem einzigen
Schatz, in mein Haus auf, ſie lebte nicht mehr lange,
ihre Tage waren gezählt, die Abzehrung war bei ihr
bereits in's letzte Stadium getreten, als ſie zu mir
kam. Jch fragte nicht, wie ſie in das Elend gekom-
men ſei - auch ſie ſprach nicht davon; erſt als ſie
den Tod ganz nahe fühlte, ließ ſie mich zu ſich rufen
und erzählte mir unter Thränen Alles. - Sie hatte
den Schwüren des vornehmen Herrn geglaubt, er hatte
ihr verſprochen, alle Hinderniſſe zu überwinden und
ſie zu ehelichen. So kam es, daß ſie endlich der Gluth
ſeiner Bitten nachgab, und ihm in ein ſtilles Aſyl
folgte, das ihre Liebe ſo lange vor der Welt verbor-
gen halten ſollte, bis er mit freiem Muth und ohne
Gefahr für ſich und die Geliebte dieſelbe frei beken-
nen könne. Jn einer reizenden kleinen Villa nicht
weit von der Reſidenz verlebte ſie mit ihm die kurzen
Tage des Rauſches - bis der Rauſch, wie es in der-
lei Fällen gewöhnlich geſchieht, verflogen war und das
kurze Glück mit Thränen begraben wurde. Jhr Ver-
führer verlobte ſich mit einer reichen, vornehmen Dame,
Mariele erfuhr es, und Schmerz und Verzweiflung
zerriſſen ihre Seele. Vergeblich waren die beruhigen-
den Schmeichelworte des Geliebten, der ihr verſicherte,
daß die Ehe, die er nur auf Wunſch des Vaters und
ohne Neigung ſchließen müſſe, nur eine Konvenienz-
Ehe ſein würde, die ihn durchaus nicht hindere, Ma-
riele weiter zu lieben und für ſie und ſein Kind noch
beſſer als vordem zu ſorgen. Mariele ſtieß ihn mit
Abſcheu zurück. Jch will keine Ehebrecherin ſein! ſchrie
ſie auf und ſtürzte aus dem Zimmer, hinter ſich die
Thüre verriegelnd. Aengſtlich lauſchte ſie bis die

Die Worte hatten vielleicht wie Spott geklungen
- Mariele ſah mich mit vorwurfsvollem Blicke an
und wollte mir die Hand entziehen. Jch hielt ſie
aber feſt.
"Jch hab's nicht bös gemeint", ſagte ich bittend
und - ſetzte ich zögernd hinzu - "wenn Du doch ei-
nen treuen Freund gebrauchen ſollteſt, ſo denke, daß
Vetter Karl ſtets von Herzen bereit ſein wird, Dir zu
helfen."
"Sie drückte mir dankend die Hand und küßte mich
zum Abſchied. Jch verließ voll trüber Ahnungen das
Haus - ich konnte fortan nicht ohne Schmerz an Ma-
riele denken. Dem Vater ſchrieb ich Alles, aber ſei es,
daß der Verluſt der Mutter ihn zu ſehr aus der ge-
wohnten Faſſung gebracht hatte, ſei es, daß ihn eigene
Kränklichkeit, die ihn auch bald dahinraffte, davon ab-
hielt - genug - er ſchritt nicht ſelbſt handelnd ein,
ſondern beauftragte mich, Mariele, ſobald ich das Exa-
men, bei dem ich begriffen war, abſolvirt hätte, ihm
in's Haus zurückzubringen, er hätte dieſelbe ſchon
ſchriftlich davon benachrichtigt.
Jch that, wie mir aufgetragen, und das Zeugniß
über meine Qualiſikation als Lehrer in der Taſche,
machte ich mich auf den Weg nach der Reſidenz.
Aber Mariele fand ich nicht mehr dort - die
Tante empfing mich ſehr mürriſch - ſprach ſehr er-
regt über die liederliche Dirne, die ihr Haus in Ver-
ruf gebracht habe, und erzählte dann ſchließlich, daß
Mariele eines Tages mit dem adligen Offizier davon
gegangen und Niemand wiſſe, wo ſie geblieben ſei."
Der Schulmeiſter hielt inne - ein ſchmerzlicher
Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt.
"Jahre waren ſeitdem vergangen", fuhr er in
düſterem Tone fort, - "ich war bereits hier in Amt
und Würden, als ich eines Tages einen Brief aus ei-
nem benachbarten Dorfe erhielt, den mir ein Bauern-
junge von einer armen kranken Frau brachte. Er ent-
hielt nur folgende Zeilen: "Du verſprachſt einſt, mir
zu helfen, wenn ich in Noth ſei. - Jch bin es und
rufe Deine Hülfe an - ich bin ſehr unglücklich. Der
Bote wird Dich zu mir geleiten" - und unter dem
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