Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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r. 87.

Mittwoch, den 29. Oktober 1873.

6. Johrg.

rſcheint Mittwoch und Samſeag. Preis monatlich 2 kr. Einzelne Nummer à 2kr. Man abonnirt in der Druckere, Schifſgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Z u ſpät!

Novelle von Clariſſa Lohde.

(Fortſetzung.)

Jn Gluth mit Dir vereinigt ſein
Und dann in Nacht verſinken.
Stürmiſcher Beifall folgte ſeinem Vortrage. Von
allen Seiten wurde er mit Lob überſchüttet. Jenny
und Bodo traten zu ihm und drückten ihm anerkennend
die Hand. Ein Blick in Jenny's edles Antlitz, das
von Freude über ſeine Leiſtung ſtrahlte, ließ Paul's
Herz voll edleren Glückes hoch aufklopfen. Er fühlte
ſich beſchämt und beſchloß die Verführerin zu meiden.
Bodo, der ſich heute Abend gegen ſonſtige Gewohnheit
ganz von Aurelie fern gehalten hatte, war ihm dazu
behilflich. Er ſchlang ſeinen Arm in den Paul's, zog
ihn in eine abgelegene Fenſterniſche und ſetzte ſich dort
mit ihm nieder.
"Jch hielt es kaum für nöthig", ſagte er ernſt, "Sie
vor einem ſo eitlen, oberflächlichen Geſchöpf, wie dieſe
Aurelie es iſt, zu warnen - aber jetzt ſehe ich ein,
daß ich Unrecht hatte. Sie haben ſehr warmes Blut,
junger Freund, nehmen Sie ſich in Acht! Jch kann
mit einer Aurelie ſpielen - für mich hat das keine
Gefahr - bei Jhnen iſt es anders. Das kokette Weib
weckt den Dämon in Jhnen, der bis jetzt noch geſchlum-
mert hat; ſeien Sie vorſichtig, meiden Sie die Ver-
ſuchung! Sie dürften der Gefahr nicht gewachſen
ſein!"

Und dabei war Aurelie ſo verführeriſch ſchön
- ſo reizend und anmuthig! - Paul's Herz pochte
- er ſtand in ſeinem Leben zum erſten Male dieſen
Künſten weiblicher Koketterie gegenüber. Das Blut
pulſirte heftiger in ſeinen Adern, ein ſonderbarer Rauſch
erfaßte ihn - er ſah nichts mehr, fühlte nur noch
Aurelien's Nähe, und jede leiſe Berührung mit ihr
durchſchauerte ihn wonnig.
O, Käthchen, Käthchen! - Wo weilſt Du, kommſt
Du nicht, Deinen Geliebten von den Verlockungen die-
ſer großſtädtiſchen Kokette zu befreien? War es wirk-
lich Käthchen's Geiſt, war es ſein Schutzengel, der jetzt
in der Geſtalt des Profeſſors zwiſchen Paul und Au-
relie trat? Jedenfalls wurde Paul durch die Erſcheinung
ſeines verehrten Lehrers ſeinem Rauſche entriſſen und
zur Wirklichkeit zurückgeführt. Der Profeſſor forderte
ihn auf, eine ſeiner eigenen Kompoſitionen vorzutragen.
Es war dies eine große Ehre für den jungen Künſtler,
der noch nicht öffentlich aufgetreten, hier vor einem ſo
gewählten Cirkel von ausübenden und ſchaffenden Mu-
ſikern mit einem eigenen Werke hervortreten zu dürfen.
Der Gedanke an die Kunſt, an ſeine geliebte, erhabene
Kunſt - verſcheuchte jetzt raſch die Nebel, welche die
Sinne im Vereine mit der Phantaſie um ihn geſchlun-
gen hatten. Sofort war er wieder er ſelbſt. Käth-
chens Bild ſtieg heller als je wieder vor ſeiner Seele
auf. Seine Wahl war bald gefaßt. Er wählte das
kleine Lied zum Vortrag, das er am Tage ſeines ſtil-
len Verlöbniſſes in der erſten Gluth ſeines Entzückens
Käthchens gedichtet und in Muſik geſetzt hatte. Aus der
Tiefe ſeines Jnnern entſprungen, zeigte es die ganze
Fülle des ihm innewohnenden poetiſchen und muſikali-
ſchen Empſindens. Alle Gedanken, die ihn damals er-
füllten, erwachten wieder vor ſeiner Seele, noch ver-
ſtärkt durch die Erregung der letzten Stunde. Er ſang
mit hinreißendem Feuer:
Sieh dort die Wolken roth vor Gluth
Jm Feuerkreis der Sonne;
Sie tauchen in die gold'ne Fluth
Wie trunken faſt vor Wonne.
So möcht' mit Dir im Feuerſchein
Des Lichts ich Wonne trinken,

Paul blickte ſtumm vor ſich hin. Der Purpur der
Scham bedeckte ſeine Wangen.
"Jch danke Jhnen", ſagte er endlich nach einer
Pauſe, "ich erkenne Jhre gütige Abſicht. Aber ſeien
Sie unbeſorgt - ich bin nicht ganz ſo ſchwach, als
Sie vielleicht meinen." Hiemit ſtand er auf und ver-
ließ Bodo, offenbar fühlte er ſich verletzt.
Bodo ſchüttelte nachdenklich das Haupt - und
ſchaute ihm nach - dann folgte er ihm langſam. Paul
ſtand indeſſen bereits, als wäre nichts geſchehen, ſcher-
zend und lachend inmitten einer Gruppe junger Da-
men. Ais er Bodo bemerkte, nickte er ihm freundlich
zu und zog ihn ſogleich in's Geſpräch. Nichts zeugte
mehr von der vorherigen Stimmung. Wenn der ver-
wöhnte Paul auch nicht gelernt hatte, Tadel zu ertra-
gen und von demſelben aus dem Munde ſeines beſten
Frenndes momentan empfänglich berührt worden war,
ſo hatte er anderſeits Bodo zu lieb, um nicht die gute
Abſicht desſelben bei kühlerer Ueberlegung herauszu-
fühlen.
Als Beide Abends ſpät die Geſellſchaft verließen,
reichte Paul Bodo daher freundlich die Hand.
"Sie hatten Recht", ſagte er, "der Reiz des Unge-
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