Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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"Und wenn dieſe Stunde des Glückes nie wieder-
kehren ſollte?" flüſterte Käthchen.-
"Dann", ſagte die Mutter und drückte ihr Kind
feſt an ſich - "dann beuge Dich unter der Hand des
Schickſals. Ertrage mit Demuth, was Du nicht ändern
kannſt, mit Kraft und Faſſung, was ohne Dein Ver-
ſchulden über Dich kommen ſollte. - Du trägſt dann
nicht allein, mein Käthchen! Denke, daß Du eine Mut-
haſt, die Dir Alles, Alles wird tragen helfen, ſei es
Leid, ſei es Glück! - Gott gebe das letztere!"

Neuntes Kapitel.

vorübergehen laſſen werde? Der Auftrag iſt ehrenhaft,
man giebt mich der Geſandtſchaft bei, die nach Rom
an den Hof des Papſtes geſchickt wird, ſeit Jahren
habe ich mich um ſolch ein Glück beworben, und ich
ſollte es jetzt nicht mit Freuden annehmen?"
"Gewiß, und ich wäre die letzte, die Jhnen davon
abrathen würde. Zwar werden wir Sie in unſerem
Kreiſe ſchwer vermiſſen, allein der Gedanke, daß Sie
dort die Befriedigung finden werden, die Sie hier bis-
her vergeblich geſucht haben, wird uns das Tragen die-
ſes Verluſtes leichter machen."
"Befriedigung?" ſeufzte Bodo und lehnte ſich in
den Stuhl zurück, während ſein Auge in düſterm Glanze
nach der Decke des Zimmers ſtarrte, als wollte er dort
die Antwort auf ſeine Frage leſen. "Befriedigung
werde ich dort ebenſowenig finden, als hier - die
Schätze dieſer Welt - vermögen wohl Auge und Geiſt
zu entzücken, aber wenn das Herz leer und öde iſt,
kann man dann wohl befriedigt ſein, und wenn man
Alles, Alles hätte, was die Welt ſonſt an Glück zu bie-
ten vermag?"
Jenny hatte während dieſer Worte ernſt auf Bodo
geſchaut, ein tiefes Mitgefühl feuchtete ihren Blick -
Bodo ſenkte ſein Auge zu ihr herab und begegnete dem
ihren. - Lange ſchauten ſich Beide ſo an, ohne ein
Wort zu ſprechen. -
"Sie bedauern mich?" ſagte Bodo endlich, und ſeine
Stimme bebte leiſe - "Sie ahnten wohl kaum, daß
meine heitere Oberfläche ſolche Schatten in der Tiefe
berge?
"Sie trauen mir wenig Menſchenkenntniß zu. Jch
wußte lange, ſeitdem Sie mir überhaupt geſtatteten, in
Jhr Jnneres ab und zu einen Blick zu werfen, daß
Sie ſchwer gelitten haben." - -
"Sie wußten es, Jenny? - O, dann wird Jhr
edles Herz auch eine Entſchuldigung für die Schwächen
meines Weſens gefunden haben, die ſo oft Anſtoß in
der Welt erregen?"
Jenny blickte ihn ernſt an, ſie zögerte einen Au-
genblick.
"Es währe unrecht, wollte ich nicht offen gegen Sie
ſein", ſagte ſie dann - ja, Sie haben recht, ich habe
gar manche Härte, manche Eigenheiten an Jhnen mir
nur durch den Gedanken erklären können, daß Sie
trübe Erfahrungeu gemacht haben müſſen, - aber je
mehr ich in den edlen Grund ihres Charakters hinein-
geſchaut, Bodo, deſto unerklärlicher iſt es mir geworden,
wie ein Menſch, wie Sie, der vom Schöpfer in Allem
ſo reich begnadet iſt, um einer bittern Erfahrung
willen ſein ganzes Leben lang unbefriedigt ſein kann?"
Bodo blickte zu Boden.
"Wenn man den Glauben an das Gute in der
Menſchenbruſt verloren hat, hat man Alles verloren." -
"Wohl wahr! Aber dieſen Glauben darf man nim-
mer verlieren."
"Selbſt dann nicht, wenn die Menſchen von den
Engeln die Geſtalt bergen, um jämmerliche Niedrig-
keit unter einer ſüßen Hülle zu verbergen?"
(Fortſe ng folgt.)

Jn Jenny's Zimmer waren die Vorhänge tief her-
unter gelaſſen, um das helle Sonnenlicht des Herbſt-
tages, das von der Straße aus hineinfiel, zu dämpfen.
Es ſah ſo traulich und ſtill in dem Raume aus - ein
eigenthümliches Behagen umfing Jeden, der denſelben
betrat. Vor dem Fenſter ſtand ein Blumentiſch, mit
den ſchönſten Blüthen geſchmückt, welche die Jahreszeit
erzeugte. Weiß und glänzend ſchimmerte in dem far-
bigen Blumenflor ein Vogelbauer mit zierlichen Elfen-
beinſtäben, in denen ſich zwei niedliche Geſellſchaftsvö-
gel hin und her wiegten. Jnmitten des Zimmers ſtand
ein Tiſch, mit Büchern, Photographien und Zeichnun-
gen bedeckt; um denſelben reihten ſich, zum Sitzen ein-
ladend, bequeme Fauteuils. Wenige aber gute Kupfer-
ſtiche ſchmückten die Wände, ein weicher Teppich machte
jeden Schritt unhörbar. Die Farben der Vorhänge
und Meubel waren gedämpft, nichts Grelles ſtörte das
Auge. Harmonie und Schönheitsſinn leuchtete deutlich
aus Allem hervor, was man hier ſah.
Dieſer Raum, den Jenny ſich ſelbſt mit Vorliebe
geſchmückt hatte, war ihr alleiniges Eigenthum, hier
durfte kein Hausbewohner ſie ſtören, hier war ſie fern
von allem Geräuſch, aller Unruhe, die das Haus der
Muſik ſonſt füllte, hier ruhte ſie aus von der Arbeit
des Tages, hier ſammelte ſie ihre Gedanken, hier ſtu-
dirte ſie, hier genoß ſie das Schöne, was Literatur
und Kunſt ihr bot.
Nur ſelten wurde es Jemanden geſtattet, Jenny in
dieſem Zimmer aufzuſuchen. Nur ihr ſehr theure,
werthe Menſchen durften dieſes Heiligthum betreten.
Der Reiz wäre dieſer ſtillen Zurückgezogenheit genom-
men worden, hätte das Geräuſch und die Eitelkeit der
Welt ſich dort, wie ſo oft in den andern Näumen ih-
res Hauſes breit machen dürfen.
Heute war Jenny indeſſen nicht allein in dem Zim-
mer - ihr gegenüber, die Augen in lebhafter Rede auf
ſie geheftet, ſaß Bodo. Er ſah erregt aus; ſeine
Wangen glühten, ſeine ſchwarzen Augen glänzten von
ungewöhnlichem Feuer. Jenny hörte ihm ruhig zu,
ihr klares Auge blickte oft ernſt und theilnehmend zu
ihm auf.
"So ſind Sie wirklich feſt entſchloſſen, uns dieſen
Winter zu verlaſſen?" fragte ſie.-
"Glauben Sie, daß ich eine ſo günſtige Gelegenheit,
ein Stückchen Welt mehr kennen zu lernen, unbenutzt
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