Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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eisereee olhebint.

Jr. 93.

Mittwoch, den 19. November 1873.

6. Johrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckere, Schigaſſe4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Zu ſp ät!

Novelle von Clariſſa Lohde.

(Fortſetzung.)

Elftes Kapitel.

roſa Stoff gehüllt und auf dem zarten, entblößten Nacken
blitzten koſtbare Steine. Paul athmete berauſcht ihre
Nähe - er faßte die Hand, die ſie ihm reichte, und
geleitete ſie zum Flügel. Als die feinen Fingerſpitzen
die ſeinen berührten, durchzuckte es ihn ſeltſam, er
wagte einen leiſen Druck. Doch erſchreckt über dieſe
Kühnheit ſah er ängſtlich zu ihr auf, aber ſie war nicht
erzürnt, nicht kalt und ſtolz wie ſonſt, mit ſüßem ver-
heißendem Lächeln ſchaute ſie ihm in's Auge.
Das Duett ging ausgezeichnet; Frau von Plato
forderte Paul auf, jetzt etwas allein vorzutragen; er
war ſogleich bereit und ſang das ſchöne Schumann'ſche
Lied: "Jch grolle nicht". Das Lied paßte in ſeine
Stimmung, er konnte die volle Gluth hineinlegen, die
in dieſem Augenblick ſeine Seele erfüllte. Der Beifall
war ein rauſchender, Herrn und Damen iraten an ihn
heran, man überhäufte ihn von allen Seiten mit Fra-
gen, wo er ausgebildet ſei, ob er ſchon in Konzerten
geſungen - wie es derlei Neugiersfragen ſo viele giebt.
Er antwordete artig, aber zerſtreut. Seine Augen
ſuchten die ſchöne Fran des Hauſes - eben ſah er ihre
ſchlanke Geſtalt hinter einer dunkelrothen Portiere ver-
ſchwinden. Sobald es anging, machte er ſich von den
Fragenden los, es war ihm, als wenn eine unerklär-
liche Macht ihn Aurelie nachzöge. Langſam folgte er
ihr, einen Augenblick ſtand er vor der Portiere zögernd
ſtill, dann öffnete er ſie raſch. Das Gemach, in das
er blickte, war durch eine Ampel von rothem Glaſe,
nur matt erleuchtet; es ſchien ein Durchgang zu ſein,
hinten blickte er durch eine geöffnete Glasthür in eine
mit blühenden Topfgewächſen dekorirte Halle, die zur
Verſchönerung des Feſtes in einen Wintergarten umge-
wandelt worden war. Einige wenige Herren und Da-
men, welche der Hitze des Saales entflohen, ſah er
dort auf- und niederſchreiten. Dies machte ihm Muth,
ein Gleiches zu wagen, das Eindringen in dieſes un-
erlaubte Gemach ſchien ihm jetzt nicht mehr als uner-
laubte Keckheit, da andere Gäſte ſich dieſe Freiheit
gleichfalls erlaubten. - Sein Auge ſchweifte über die
Auf- und Abwandelnden - Aurelie war nicht unter
ihnen. - Er trat durch die Glasthür in die blumen-
geſchmückte Halle ein - ein breiter Gang lag vor ihm, er
ſchritt denſelben langſam hinunter. - Blühende Came-
lien ſchmückten die Wände, Hyacinthen und Orchideen
hauchten zur Seite des Weges ihre betäubenden Düfte aus.
Bon dem dunklen Grün der Bäume hoben ſich
plaſtiſch zwei Frauengeſtalten, die in eifrigem Geſpräch
langſam vor ihm einherſchritten. Jn der kleineren

Die glänzende Reihe der Säle und Zimmer, die
der Rittmeiſter von Plato mit ſeiner Gemahlin be-
wohnte, waren zum Empfang der Gäſte geöffnet. Eine
ſchimmernde, mit Orden und Juwelen geſchmückte Menge
bewegte ſich in denſelben. Es waren größtentheils
Adlige, Militärs oder höhere Beamte, die in dem
faſhionablen Hauſe der Plato's Eintritt hatten. -
Eine Fülle von Grazie und Anmuth war aufgeboten
worden, um den Glanz des Feſtes zu erhöhen. Zarte,
friſche Mädchengeſtalten vom Hauche kindlicher Anmuth
umfloſſen, miſchten ſich in reichem Glanze mit ſchönen,
üppigen Frauen, die der voll erblühten Roſe gleich -
welche dem Welken nahe noch die berauſchendſten Düfte
ausſtrömt - das Auge der Männer am meiſten zu
blenden und zu berauſchen verſtehen. Alles bewegte
ſich lächelnd, ſcherzend und kokettirend in den glänzend
erleuchteten, von ſüßen Düften angenehm durchwehten
Räumen.
Jn einer einſamen Ecke eines der großen Säle
ſtand Paul - ſein Auge ſchweifte über alle vor ihm
entfaltete Pracht ſtaunend hin - ſein Herz klopfte hö-
her, ſeine Pulſe gingen in raſcheren Schlägen. Es war
ihm, als befände er ſich in einem Zauberlande und
verführeriſche Traumgebilde tanzten verlockend um ihn
her. Manch ſanftes Mädchenauge hatte ſchon mit Jn-
terreſſe auf ihm geruht, manch ſchöne Frau ihn freund-
lich angeblickt. Er brauchte nur hervorzutreten und ſich
unter dieſe glänzende Menge zu miſchen, er gehörte zu
ihr, er, der einfache Kantorsſohn, zu dieſer Elite
der vornehmen Geſellſchaft, zu dieſen ordengeſchmück-
ten Herren, dieſen von Diamanten funkelnden, vor-
nehmen und ſchönen Damen. -
"Wollen Sie jetzt mit mir das Duett ſingen? Herr
Gruber", tönte eine glockenhelle Stimme in ſein Ohr
nnd riß ihn aus ſeinen Träumen. Paul verneigte ſich
zuſtimmend. Vor ihm ſtand Aurelie, einer Fee gleich
an Geſtalt und Schöne, das blonde Haar ſchmückte eine
blühende Roſe, in der ſtatt Thautropfen Diamanten
glänzten, die ganze anmuthige Geſtalt war in duftigen
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