Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Die Verfälſchung der Nahrungsmittel und
Getränke.

(Fortſetzung.)

Denn auch mit allen übrigen Lebensbedingniſſen
geht es wie mit den Nahrungsmitteln. Sie werden
theurer in dem Maße, als ſie ſchlechter werden.
Jn dem Maße als man aber fortfährt, die Nah-
rungsmittel dem Volke zu vergiften, oder ſolches zu-
läßt, in dem Maße vergiftet man ihm mit ſeinem
Blute auch ſeine Denkungsart. Die endlichen Folgen
davon können nur entſetzlich ſein!
Wir verſtärken unſere Wiederholung dahin: das
Publikum muß zur Selbſthülfe greifen, es
muß, wie die Darmſtädter Hausfrauen neulich, zum paſ-
ſiven Widerſtande ſchreiten*). Das Pnblikum muß mit
ſcharfer Verfolgung hinter den Verfälſchungen her ſein
und jegliche Gaunerei auf dieſem Gebiete ſollte un-
nachſichtlich der öffentlichen Verachtung preisgegeben
werden. Man darf ſich nicht mehr Zucker, aus elenden
Abfällen chemiſch hergeſtellt, der eine Brutſtätte ge-
ſundheitsſchädlicher Milben und Pilze iſt, Mehl mit
Gyps oder feinem Sand gemiſcht, Eſſig, der noch nach
ſeinem giftigen Urſprung, dem Bleizucker, riecht, Thee,
der ſchon einmal ausgeſaugt und mit Giftfarben wie-
der aufgeſchmückt wurde oder nie auf einem Theeſtrauch
gewachſen iſt - und ſo endlos fort - für ſein gutes
Geld in die Hand drücken laſſen. Zu ſolchem kräftig
abwehrenden Vergehen gegen den Betrug gehört aber
nicht blos die ein ſo ſchändliches Treiben ſcharf über-
wachende Aufmerkſamkeit, ſondern auch das nöthige
Wiſſen.
Der dem Aufſatze hier gewährte Raum geſtattet
nicht, daß dieſer zur ausführlichen Abhandlung ſich aus-
dehne. Er kann daher nur kurz gefaßt die gewöhn-
lichſten Verfälſchungen ſelbſt aufführen. Aber jeder
nächſte Apotheker, der Hausarzt, einſchlägige Bücher,
werden ſtets diejenige Auskunft geben können, welche
eine ſich darüber erweitern wollende Einſicht wünſcht.
Verfälſcht wird:
Milch - abgeſehen von Krankheiten der Thiere,
wie z. B. durch die vergiftende Perlſucht, Schlempe-
fütterung, Fadepilze und einem andern Pilze, der die
Milch bläut - mit ſie verdünnendem Waſſer, mit
Kalkmilch, eingequirlter ſehr geringer Kleiſterſtärke,
Mehl, Kreide. Die gebräuchlichſte Verſchlechterung der
Milch beſteht darin, daß man ſie vor dem Verkauf
entrahmt.

Auch die perſönliche Freiheit hat ihre Grenzen.
Ueber dieſe hinaus wird ſie perſönliche Frechheit, Roh-
heit, und die Entfeſſelung des "wilden Thieres" im
Menſchen.
Wir verdanken es zu meiſt dem angeborenen Han-
delsſinne gewiſſer Einwanderer, anderntheils Einflüſſen
von England und Amerika her, daß eine anſehnliche
Menſchenzahl ſtatt ſtätiger, an's Haus bindender Ar-
beit, ſich lieber auf Markt und Gaſſen, an Börſen und
ſonſtigen Gelegenheitsorten herumtummelt, um bei ge-
ringerer Anſtrengung ungleich mehr zu verdienen, als
ſtrenge Arbeit jemals abwirft. So iſt ein Handel ne-
ben dem Handel, ja in Erwerbskreiſen, wo er gar nicht
hingehört, und unſere geſellſchaftlichen Zuſtände haben
die ärgſten Mißlichkeiten davon eingeheimſt. Nichts
geht jetzt mehr vom Producenten unmittelbar an den
Conſumenten über. Drei, vier Hände haben erſt ihre
Procente davon geſchöpft, ehe Etwas zum wirklichen
Verbrauch gelangt. Der Courszettel wird heutzutage,
wahrlich nicht zum Nutzen des Allgemeinwohles, von
viel zu Vielen geleſen, ſogar von in allen andern menſch-
lichen Dingen ganz Unreifen und Solchen, die noch
nicht einmal die Elemente einer taktfeſten Schulbildung
in ſich haben.
Wo ein großer Sumpf iſt, ſammeln ſich gefährlich
daraus aufſteigende Schwaden. Jedermann weiß, welche
ſocialen Wolken an unſerem Horizonte drohen. Ge-
ſchieht nicht bald eine Wandelung in dieſen Uebelſtän-
den, ſo ſind arge, gewaltſame Zeiten zu gewärtigen.
Man ſchaue nur einmal um ſich: eine große Maſſe
des Volks - und dieſe ſind wahrlich noch nicht ein-
mal die Aermſten - nährt ſich jetzt ſtatt des Flei-
ſches tagaus, tagein von Wurſt. Der übermäßige, er-
zwungene Wurſtverbrauch aber iſt ein trauriger Noth-
behelf und ein untrügliches Armuthszeugniß für ein
Volk. Wurſt bleibt ſtets nur ein Genußerſatz, mit dem
auf die Dauer nicht zu beſtehen iſt. Wurſt iſt der
Shoddy des Fleiſches - Shoddy iſt jetzt der Meiſten
Leben, zu Shoddy iſt alle ehemalige Gewiſſenhaftigkeit
und Rechtſchaffenheit geworden.
Wenn aber das Brod immer leichter und nahrungs-
äemer, die Milch immer ſchwindſüchtiger, das Bier
ſtets giftiger wird; wenn Butter, Gemüſe, Eier, Obſt
ganz vom Tiſche des Geringen verſchwinden, Fleiſch
faſt unerſchwinglich wird; wenn ſich Viele ſchon jetzt
nicht mehr wahrhaft ſatt eſſen können, und zwar nicht
an einer Stoffmenge, wie der Körper ſolche gebieteriſch
verlangt: alſo an einem bürgerlichen Mittagstiſch von
ächtem Schrott und Korn - dann muß allmählich Un-
zufriedenheit und Verbitterung Platz greifen. Und
was kann dann allein nur das Ende davon ſein? Die
Einen werden in ſtumpfe Entſagungs Nothwendigkeit
verſinken, die Andern vielleicht gar zur Gewalt greifen.

(Fortſetzung folgt)

*) Es ſollten allenthalben Vereine gegründet werden, deren Mit-
glieder ſich mit gemeinſamen Kräften die Entdeckung und Beſtrafung
der Nahrungsmittelverderber zur Aufgabe machen. Wie wir hören,
beſtehen derartige Verbindungen bereits an mehreren Orten, u. A in
Mainz. Jn letzterer Stadt, wo der Verein zahlreichen Anhang
findet, trägt man ſich neueſtens mit der Abſicht, ſich zum Behufe ei-
ner Beſchränkung der Schwerſpathfabriken in einer Eingabe an die
Reichsregierung zu wenden, um auf legislativem Wege die angeſtreb-
ten Ziele zu erreichen, denn gerade mit fein pulveriſirten Schwerſpath
werden ſo viele unſerer Nahrungsmittel verſetzt.
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