Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Prinzeſſin plötzlich und unerwartet mit ihrer Hand ein
Königreich anbietet.
"Verzeihen Sie, gnädigſte Gräfin," ſtammelte er,
"wenn ich mich noch nicht gleich zu ſaſſen vermag.
Was Sie mir eben mit ſo viel Güte und Wohlwollen
mitgetheilt, kommt mir zu überraſchend, zu überwälti-
gend! Jch kann nur ſagen, ich nehme das Glück, das
Sie mir bieten, an, wie man die Gaben des Himmels
annimmt, als ein Geſchenk, deſſen würdig zu machen
die höchſte Aufgabe meines Strebens ſein ſoll."
Bewegt neigte er ſich zu ihr, ergriff die ſchön ge-
formte, feine Hand, die auf der Lehne des Stuhles
lag, und drückte ſie ſeurig an die Lippen. Die Gräfin
entzog ſie ihm nicht, ſie ſah ihm mit anmuthigem Lä-
cheln in das bewegte Antlitz.
"Was ich thue, iſt durchaus nicht ſo uneigennützig,
als Sie denken," ſagte ſie in leichtem Tone. "Was
ich Jhnen geben kann, iſt wenig gegen das, was Sie
mir dafür geben werden: Stunden herrlichen, erheben-
den Genuſſes. Wenn Sie dereinſt geworden, was ich
hoffe, wenn die Kunſt ihren Jünger mit dem Lorbeer
geſchmückt hat, den er verdient, dann fällt auch ein
Reislein des Lorbeers auf mich herab, auf mich, die
dem jungen Aar die Flügel frei gemacht, daß er feſſel-
los in die Lüfte ſteigen konnte."
"So glauben Sie, meine Flügel ſeien gebunden?"
"Sie ſind ein Schüler des Stark'ſchen Konſerva-
toriums - alſo in den Händen einer Coterie."
"Der Profeſſor iſt nicht ſo eng in ſeinen Anſichten,
als Sie glauben, und Fräulein Jenny ganz davon
frei."

wohl mit einigen leichten Sachen an, oder ſogleich mit
Jhren eigenen Kompoſitionen, nur keine zu große Be-
ſcheidenheit!"
Paul verneigte ſich tief, die Gräfin entließ ihn mit
ſehr verbindlichem Lächeln. Draußen ſtand der Be-
diente und geleitete ihn hinaus.
Als Paul das Zimmer verlaſſen, verſchwand das
Lächeln ſofort aus dem Antlitz der Gräfin, dunkle
Schatten flogen über ihre hohe Stirn, ihre Augen ſtarr-
ten weit geöffnet, ihr Buſen hob ſich in pochenden
Schlägen! Wer die Gräfin in dieſem Augenblick ge-
ſehen, hätte die vornehme Frau in ihr nicht wieder
zu erkennen vermocht, die in den Salons mit ſo ge-
meſſener hoheitsvoller Haltung ſich bewegte. Schmerz
und Leidenſchaft durchzuckten ihren ſchönen Körper, ſie
ſank ermattet auf dea Divan und barg das Antlitz in
den Händen, während ihre Zähne krampfhaft feſt ſich
aufeinander preßten.
Ein Diener brachte die Lampe und ſetzte ſie auf
den Tiſch.
"Fräulein v. Altheim läßt fragen, ob ſie der gnä-
digen Gräfin vorleſen ſolle?"
Fräulein v. Altheim war ein altes Fräulein von
etwa 50 Jahren, die Geſellſchaftsdame und dame
dhonneur der jungen ſchönen Wittwe.-
"Noch nicht!" erwiederte die Gräfin kurz, "ich werde
klingeln, wenn ich des Fräuleins Gegenwart wünſche."
Der Diener verließ geräuſchlos das Zimmer. Die
Gräfin ſtand auf, bleich und zitternd ging ſie an den
Schreibtiſch, dort öffnete ſie ein geheimes Fach und zog
einen Brief heraus. Jhre ſonſt ſo ſanften Augen glüh-
ten im Feuer des Zorns und des Haſſes, als fie den
Brief noch einmal überlas. Er war von Bodo. Ein
Blick in denſelben wird uns über das, was eben ge-
ſchehen, am beſten aufzuklären vermögen. Er lautete:
Frau Gräfin!
Jhre Zeilen haben in mir Erinnerungen wach ge-
rufen, die ich nimmermehr aus der Tiefe meines Her-
zens, wo ſie mit Blut eingeſchrieben, aufzuwecken ge-
dachte. - Sie ſind jetzt Wittwe, Sie ſind reich, Sie
wünſchen wieder gut zu machen, was Sie gethan, Sie
bieten mir Jhre Hand zur Verſöhnung, Sie ſprechen
von feſt bewahrter Liebe und Zuneigung zu mir; Sie
vergeſſen ganz, was zwiſchen uns liegt, Sie vergeſſen
des Freundes todtenblaſſes Antlitz, das anklagend zwi-
ſchen mir und Jhnen ſteht, des Freundes, den Sie
ohne Gewiſſensbiſſe durch freoles Spiel in einen ſchmäh-
lichen Tod gejagt; Sie vergeſſen, daß Sie, nachdem
Sie mir die verſprochene Treue gebrochen, nachdem Sie
kaum in den Armen des Unglücklichen geruht, auf deſ-
ſen Grab die Erde noch nicht feſt geworden war, ohne
Zagen und Reue Jhre Hand einem alten, ehrenhaften
Manne reichten, der nichts von den Vergehen Jhrer
Jugend ahnte.

"Jch kenne die Dame nicht!" entgegnete die Gräfin
kühl. - "Sie ſcheinen Fräulein Stark hoch zu ver-
ehren."
"Jch verehre ſie und ſchätze ſie ſehr hoch" - rief
Paul mit Wärme. - "Wie mein Freund Walter halte
ich ſie ſür eine der edelſten und hochgebildetſten Frauen,
die es giebt."
Erſchreckt hielt Paul plötzlich inne - die Gräfin
war bei Nennung von Bodo's Namen ſehr bleich ge-
worden, um ihren Mund zuckte es ſchmerzlich.
Paul fühlte, daß er taktlos geweſen und ſah befan-
gen zu Boden. Die Gräfin hatte ſich raſch wieder
gefaßt.


"Jhr Freund liebt alſo wohl Fräulein Jenny?
fragte ſie ſcheinbar ſehr ruhig.
"Das will ich nicht gerade ſagen" - ſtotterte Paul,
"er verehrt ſie; ob dieſe Verehrung einſt zur Liebe
werden wird - wer weiß es!"
Der Gräfin Hände zitterten unter dem Spitzentuch,
ihre Bruſt hob fich raſch - aber auf ihr Antlitz var
das frühere ſanfte Lächeln zurückgekehrt.
"Sie machen mich ordentlich begierig, die Dame
kennen zu lernen," ſagte ſie. "Vielleicht läßt es ſich
einmal ſo einrichten, daß wir uns begegnen."
Mit der ihr eigenen Würde erhob ſie ſich und drückte
auf die Glocke. Paul folgte raſch ihrem Beiſpiel:
"Und nun, mein junger Freund, auf Wiederſehen!
Am nächſten Dienſtag wollen wir beginnen, Sie fangen

(Fortſetzung folgt.)
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