Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Verlangen, was nichts mit dem Gefühle der Liebe, wie
er ſich einzureden ſuchte, zu thun hatte, - nein, er
liebte ja ſeine Braut, ſein Käthchen! Was ihn zur
Gräfin zog, war mehr ein Gefühl rein geiſtiger Art,
ein Gefühl der Verehrung - ja der Anbetung - ſie
anſchauen, ſie reden hören mit ihrer klangvollen Stimme,
mehr wünſchte er, mehr erſehnte er nicht. Außerdem
kam die Warnung des Freundes zu ſpät, noch den Tag
vorher hätte er ihr ohne gar zu viele Schwierigkeiten
folgen können, heute, nachdem die Gräfin in ſo liebens-
würdiger Weiſe ihm entgegen bekommen, würde es
mehr als eine Unſchicklichkeit ſein, ohne Grund - denn
einen wahrhaften Grund hatte er ja nicht! - ein An-
erbieten, das er bereits angenommen, wieder zurückzu-
neiſen - ja es wäre im höchſten Grade lächerlich und
und unklug geweſen. - Die Salons des Adels konn-
ten ſich damit auf immer für ihn ſchließen. Dieſe
Gedanken befeſtigten in ihm den Entſchluß, dem zu fol-
gen er als eine Nothwendigkeit betrachtete, das bei der
Gräfin eingegangene Engagement nicht zu löſen. -
Dieſen Entſchluß Bodo mitzutheilen, behielt er ſich für
die nächſte Zeit vor. Für's Erſte nahmen ihn vielfache
Geſchäfte und die Vorbereitungen für die muſikaliſchen
Abende bei der Gräfin ſo in Anſpruch, daß ſeine Zeit
für das Briefſchreiben immer kürzer bemeſſen wurde.
Auch die Briefe an Käthchen nahmen immer mehr an
Umfang ab.

So war Weihnachten herangekommen, die Kräfte
des Schulmeiſtes nahmen, wie er vorher geſagt, immer
mehr ab; der Arzt ſchüttelte bedenklich das Haupt und
ſuchte die trauernde Frau und Tochter auf das Unver-
meidliche, den baldigen Verluſt des Vaters und Gatten
vorzubereiten. Das Feſt war Käthchen ſo traurig und
ſtill wie noch nie vergangen. Drüben bei Kantor Gru-
bers war Robert zum Feſt zum Beſuch gekommen -
er ging oft zu Käthchen hinüber - aber auch er ver-
mochte in das ſtille Haus keinen frohen Sinn zu brin-
gen. Angſt und Sorge drückten Mutter und Tochter
darnieder, Robert konnte nur theilnehmend tröſten und
beiden Frauen Hand und Herz im Fall der Noth zur
Verfügung ſtellen.
"Sollte dem guten Papa was Menſchliches begegnen,
Frau Ketterer", ſagte er am letzten Abend vor ſeiner
Abreiſe, als er mit den Frauen allein im Wohnzim-
mer ſaß, während der alte Mann bereits im Bette lag
und ſchlummerte - "dann rufen Sie mich, ich bin ja
nicht gar zu weit von hier entfernt und bekomme ſo-
fort Urlaub, wenn ich ſolchen begehre, ich weiß, mein
Prinzipal will mir wohl; es ſteht mir alſo nichts im
Wege, ſogleich zu Jhnen zu eilen, um Jhnen in der
ſchweren Zeit zur Seite ſtehen zu können. - Paul iſt
allerdings der nächſte dazu", fügte er raſch auf Käth-
chen blickend hinzu, die ſtill vor ſich nieder auf ihre Ar-
beit ſchaute - "aber die Neſidenz iſt weit, und ſelbſt
wenn er ſich dort losmachen wollte, kann er nicht ſo
raſch zur Stelle ſein, als ich."
Käthchen blickte zu Robert auf. Es lag etwas un-
endlich Trauriges in dieſem Blick; dankend reichte ſie
ihm die Hand: -
"Wie gut Du biſt, Robert!" ſagte ſie.
Rovert ſchaute ſie lange an, ein tiefes Weh durch-
zuckte ſein Herz.
Als Frau Agnes gleich darauf das Zimmer verließ,
um nach dem Kranken zu ſehen, rückte er Käthchen raſch
näher und fragte leiſe:
"Haſt Du über Paul zu klagen, Käthchen?"
Käthche blickte auf, Thränen ſtanden in ihren Augen:
"Nein, Robert, nein", ſagte ſie raſch, "verſtehe mich
nicht falſch, - ich habe nichts zu klagen. Paul iſt
glücklich, er lebt ein ſchönes durch die Kunſt verherr-
lichtes Leben, Arbeit und Kunſtgenuß nehmen abwech-
ſelnd ſeine Zeit in Anſpruch, man huldigt ihm überall
- kann er in dieſem Rauſche des Glückes mein Leid
verſtehen?"
So iſt er Dir nicht die tröſtende Stütze, die er
ſein ſollte? fragte Robert weiter und eine dunkle Wolke
trat auf ſeine Stirn. - "Er ſchreibt Dir nar von
Luſt und Vergnügen, während Du Hilfe und Troſt bei
ihm ſuchſt?"
"Er weiß und ahnt nicht, wie es hier ſo traurig,
ſo ſehr traurig ſteht."
(Fortſetzung folgt.)

Dreizehntes Kapitel.

Jm Schulhauſe ſah es unterdeſſen recht trübe aus.
Der alte Ketterer war unter der pflegenden Hand von
Mutter und Tochter allmählich geneſen, aber obwohl
das Fieber gewichen war, wollte ſich die große Schwäche
die dem Geneſenden zurückgeblieben war, noch immer
nicht verlieren. Der alte Mann blieb an das Zimmer
und an den Lehnſtuhl gebannt. Seine frühere fröh-
lche Laune hatte ſich gänzlich verloren und hatte einer
ungewöhnlichen niedergedrückteu Stimmung Piatz ge-
macht. Alle liebevolle Sorgfalt von Frau Agnes, alle
Mühe ſeines holden Käthchens ihn zu erheitern, war
vergeblich - er hatte Todesgedanken und ſprach von
baldigem Sterben. - Das Schickſal von Frau und
Tochter nach ſeinem Tode ſchien ihn beſonders ängſt-
lich zu beſchäftigen, und alle Bitten von Käthchen und
Frau Agnes, die Sorgen zu verbannen, die ſeine Ge-
neſung nur verzögern könnten, halfen nichts, der Schul-
meiſter blieb dabei, er würde nicht mehr lange leben,
er ſühle es - und müſſe daran denken, de Zukunft
ſeiner Familie zu ſichern, ja er habe bereits Schritte
dazu gethan und er hoffe, daß das Reſultat derſelben
ſeine Unruhe bannen und die letzten Tage zu ruhigen
und glücklichen machen werde.
"Weiß ich eure Zuknnft erſt geſichert", ſagte er oft
zu Frau Agnes, "dann werde ich in Frieden von Euch
ſcheiden können. Mit dieſer Sorge um euch im Her-
zen wird Gott mich nicht ſterben laſſen, der Tod würde
mir zu ſchwer werden!"
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