Jones, Owen [Editor]
Grammatik der Ornamente: illustrirt mit Mustern von den verschiedenen Stylarten der Ornamente in hundert und zwölf Tafeln — London, [1856]

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KELTISCHE ORNAMENTE.

TAFEL LXV.

SPIRALFOERMIGE, DIAGONALE, ZOOMORPHISCHE UND SPAETERE ANGELSAECHSISCHE

ORNAMENTE.

1. Anfangsbuchstabe, aus dem Evangeliarium zu Lindis-

farne. Ende des 7ten Jahrhunderts. Brittisches Mu-
seum (vergrössert).

2. Ornamente von winkelförmigen Linien, aus dem gregori-

schcn Evangeliarium (vergrössert).

3. Verschlungene Thierfiguren, aus dem Buch von Keils, in

der Bibliothek von Trinity College, Dublin (vergrös-
sert).

4. Diagonales Muster. Evangeliarium des Mac Durnan in

der Bibliothek des Lambeth Palastes. 9tsa Jahrhun-
dert (vergrössert).

5 und 12. Spiralförmige Muster, aus dem Evangeliarium
von Lindisfarne (vergrössert).

6. Diagonale Muster aus dem irischen Manuscript zu St.

Gallen. 9tca Jahrhundert (vergrössert).

7. Verschlungenes Ornament, aus demselben Manuscript

wie das vorhergehende.

8. Verschlungene Thierfiguren. Evangeliarium des Mac

Durnan (vergrössert).

9. 10, 13. Diagonale Muster. Evangeliarium des Mac

Durnan (vergrössert).

11. Diagonale Muster, aus dem Evangeliarium zu Lindis-
farne (vergrössert).

14. Rand zur Einfassung von verschlungenen Thierfiguren,
aus dem Evangeliarium zu Lindisfarne (vergrössert).

15 und 17. Felder mit verschlungenen Thier- und Vogel-
figuren, aus dem irischen Evangeliarium zu St. Gallen.
8tos oder 9tos Jahrhundert.

16- Grosses Q, in der Gestalt eines länglichten winkelförmi-
gen Thieres, aus dem Psalmbuch des Ricemarehus,
Trinity College, Dublin. Ende des Ilten Jahrhunderts.

18. Viertel eines Rahmens oder Randes einer illuminirten

Seite im Benedictionale des Aethelgar zu Rouen. 10tes
Jahrhundert.—Silvestre.

19. Ditto, aus dem Arundel-Psalter, No. 155, brittisches

Museum.—Humphreys.

20. Ditto, aus dem Evangeliarium des Canute im brittischen

Museum. Ende des 10tcn Jahrhunderts.

2.1. Ditto, aus dem Benedictionale des Aethelgar.

22. Schlussornament von spiralförmiger Zeichnung mit Vö-
geln. Stellt einen Theil eines grossen Anfangsbuch-
staben im Evangeliarium von Lindisfarne dar (wirk-
liche Grösse).—Humphreys.

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KELTISCHE ORNAMENTE.

Die geniale Geisteskraft der Bewohner der brittischen Inseln äusserte sich von jeher durch Leistungen, die
in ihrer Beschaffenheit und Stylart, von den Leistungen der übrigen Welt wesentlich abweichen. Die
eigenthümlichen Charakterzüge die uns gegenwärtig unterscheiden, waren auch unsern Vorfahren, bis zu
den ältesten Zeiten hinauf, im selben Grade eigen. Im Fach der schönen Künste treten unsere kolossalen
druidischen Tempel mit überraschender Grösse hervor, den Beschauer mit Erstaunen füllend. In spätem
Zeiten verkündete sich dasselbe Genie für Denkmale von aufgerichteten Steinen, doch mit den Modificatio-
nen die der neue Glaube erheischte, und äusserte sich in der Gestalt von riesenmässigen Steinkreuzen, oft
bis dreissig Fuss hoch, sorgfaltig ausgehauen, und mit Devisen verziert, deren Stylart von der aller andern
Nationen unterschieden ist.

Die ältesten Monumente und Reste der Verzierungskunst die wir besitzen (und diese sind zahlreicher
als man wohl im Allgemeinen glaubt), stehen in so enger Verbindung mit der ersten Einführung des Chris-
tenthums in die brittischen Inseln,* dass wir nothwendig die Entwicklung des neuen Glaubens daselbst
berühren werden müssen, während wir uns bestreben die Geschichte und die Eigenheiten der keltischen
Kunst auseinander zu setzen: ein Unternehmen zu dessen Ausführung bis jetzt noch kaum ein Versuch
gemacht worden ist, und doch ist es eine Aufgabe die, vom Gesichtspunkt ihrer nationalen Wichtigkeit
betrachtet, ein ebenso lebhaftes Interesse, als die Geschichte der Verzierungskunst irgend eines andern
Landes darbieten muss.

1. Historische Beweise.—Wir wollen uns hier gar nicht darauf einlassen die verschiedenen Angaben
der Historiker, hinsichtlich der Einführung der christlichen Religion in Grossbrittanien zu erörtern, oder mit
einander zu vereinbaren, da wir, ganz abgesehen von dem Zeugnisse der Geschichtsschreiber, hinlängliche
Beweise haben, dass das Christenthum schon lange vor der Ankunft St. Augustin's, im Jahre 596, im Lande

* Die heidnisch-keltischen Reste zu Gavr' Innis in Bretagne, zu New Grange in Irland, und ein druidisches Monument bei
Harlech, in "Wallis, verrathen einen gewissen rauhen Versuch der Verzierung, die hauptsächlich aus eingeschnittenen spiralförmigen
oder kreisrunden und winkelförmigen Linien besteht.

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