Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 37.1921-1922

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PAUL HERRMANNS RADIERZYKLUS „SALOME"*)

Oskar Wilde hat aus den wenigen Sätzen same Ausformung des Stoffes haftet in der Er-
des Markusevangeliums, in denen von der innerung. Indessen hat Herrmanns Salome mit
bestrickend schönen Judenprinzessin Salome ge- diesen nur wenig Berührung und äußere Ver-
schrieben steht, die sich von ihrem Stiefvater, bindungen, und diese bleiben an der Oberfläche,
dem Vierfürsten Herodes, das Haupt des Jo- Denn Herrmann machte nicht die Salome der
hannes ertanzt, eine Dichtung voll prickelnden Bibel, die hinter ihrer Mutter Herodias zurück-
Reizes herauskristallisiert. Ein wollüstig-grau- tritt, zur Heldin seines Werkes, sondern die
sames und in seiner Verliebtheit und Trieb- Salome Wildes und Straußens. Nicht als ob
haftigkeit dennoch fast kindhaftes junges Weib er Gesichte der Bühne graphisch ausgeformt
ist vor den Hintergrund einer zuchtlosen Nieder- hätte. Im Gegenteil: Alles Theatralische ist
gangszeit gestellt. Der asketische Heilige, der aufs peinlichste vermieden. Aber in der heißen,
dieser Zeit Fehde ansagt, in die Zukunft weist schwülen Stimmung, in den prickelnden Situa-
und, seiner Mission völlig hingegeben, in strenger tionen verknüpfen den Griffelkünstler Bande
Selbstzucht alle irdische Lust und Salomes der Gemeinsamkeit mit dem Dichter und dem
Liebe von sich weist, muß um dieses Ver- Komponisten. Heißes, dramatisches Leben pulst
schmähens willen sterben. Ein schwacher, ver- durch die sechs Blätter des Radierzyklus, starke
buhlter Fürst gibt den herzensgenialen Täufer Kontraste des Lichtes und der Schatten, hier
preis. Wie ein spukhaftes Trauerspiel ist das, ins Schwarz-Weiß vergeistigt, sind gestaltet,
voll der Steigerungen ins Farbige, Exotische, Hat Herrmann sich bei früheren graphischen
Überladen-Prunkvolle. Schwüle Stimmungen Zyklen auf das Symbolische eingestellt, so tritt
schwingen durch die überhitzte Atmosphäre: diesmal in höherem Grade das Gegenständliche
Alles drängt ins Musikalische hinaus. Richard und Tatsächliche, das Dramatische in Erschei-
Strauß ergriff begierig den Stoff, und es ent- nung. In dem Hauptblatt, dem Tanz der Salome,
stand ein musikalisches Drama, in dem sich, wie ist ein Bacchanal gestaltet, in dem Dyonisi-
nicht leicht in einem zweiten Tonwerk unserer sches und Apollinisches ineinanderfließen; das
Zeit, eben unsere Zeit selbst spiegelt in ihrer vermittelt stärkste Eindrücke, die einen nicht
Verwandtschaft mit jenen fernen Tagen, da mehr loslassen. Aber auch in den Blättern,
der Genuß regierte, aber in gleicher Stunde, die weniger auf Reichtum und Fülle gestellt
mit der Notwendigkeit und Zwangsläufigkeit sind, spricht ein hohes künstlerisches Ingenium,
der Kontrasterscheinung, das Evangelium der das über das Bildkompositionelle hinaus sich
Entsagung an Türen und Herzen pochte, wie in feinsten seelischen Verbindungen auswirkt,
es heute aufs neue der Fall ist. Es erübrigt, bei einem Künstler von der We-
Aus Wildes und Richard Straußens Schöp- sensart Herrmanns beizufügen, daß er mit sei-
fungen heraus erwuchs eine neue: Der Radier- nen Salomeradierungen nicht irgendwie Illu-
zyklus „Salome", den Paul Herrmann soeben strationen gibt. Jedes einzelne Blatt ist eine
vollendete. Daß sich der Münchner Malerra- Steigerung über Dichtung und Tonwerk hinaus
dierer gerade zu diesem Werk und seinem in die Bezirke des absolut Bildkünstlerischen.
Ideenkreis hingezogen fühlte, ist nicht zuletzt Musterhaft ist das Technische der Blätter,
menschlichen Verbindungen mit Wilde und Großformatig sind sie, und doch ist nirgends
Strauß zuzuschreiben. Den unglücklichen Wilde eine flaue Stelle, alles erfüllt der Künstler mit
lernte er in Paris in den Zeiten seines tiefsten Bewegung, mit zuckendem Leben und das, ohne
Falles kennen und war einer der paar Männer, ängstlich jedes Papiereckchen zu füllen und aus-
die hinter seinem Sarge schritten, als man die- zutüpfeln. Der improvisationshafte Charakter,
sen einst Glanzvollen zur letzten Ruhe trug; der zum Wesen der Radierung als zeichnende
mit Strauß aber eint ihn Aufstieg zur Höhe, Kunst gehört, ist festgehalten. Man verspürt
Zeitgenossenschaft im kulturellen Verstände. die Größe der Auffassung, kongenial der des
Die Salome der Bibel ist bei Meistern bil- Dichters und des Komponisten in der Größe
dender Kunst in alter und neuer Zeit oft Gegen- der Formgebung. Es ist Herrmanns prächtigste
stand der Gestaltung gewesen. Manche einpräg- zyklische Schöpfung, ein vorläufiger Abschluß,
,1D . „ c, ■ . _ ' . , . „ das Werk eines Meisters auf der Höhe seines

•) Paul Herrmann, Salome. Sechs Kaltnadelarbeiten. 2sExem- m

plare auf kaiserl. Handjapan, 100 Exemplare auf holländisch Könnens. _

Bütten. München, F. Bruckmann A.-G. Georg JaCOD Wolf

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